Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Mein Wochenausklang: Brauchen wir „Microlearning“?

In diesen Wochen erreicht mich wieder eine Fülle an Webinar-Angeboten. Ab und zu melde ich mich für eines an, und ab und zu raffe ich mich dann tatsächlich auf, auch einmal reinzuhören. Diese Woche ging es um „Micro-Learning and Gamification“. Ich bin dann doch zur Halbzeit aus dem Angebot ausgestiegen, weil es eher an Einsteiger adressiert war. Aber über den Begriff Microlearning habe ich noch eine Weile nachgedacht.

Ich weiß noch, dass es 2005 eine Microlearning-Konferenz in Innsbruck gab. Auf dieser (oder der nächsten, 2006?) bin ich gewesen. Damals führte der Begriff Microlearning noch beide Welten zusammen: die Internet-Avantgarde, die von Hypertext, RSS und „small pieces, loosely joined“ schwärmte; und die EdTech-Vertreter, die schon an neue Anwendungen für das mobile Lernen glaubten. Mit dem iPhone und YouTube haben dann die letzteren das Feld und den Begriff übernommen.

Was aber den Umgang mit Microlearning nicht leichter gemacht hat. Zwar ist man sich heute einig, dass mit Blick auf Nutzungsroutinen, Aufmerksamkeitsspannen und Vergessenskurven kein Weg an kurzen Lerneinheiten vorbeiführt. Aber hat man damit schon ein pädagogisches Konzept? Wenn ich den Begriff zum Beispiel in der „Mediendidaktik“ von Michael Kerres nachschlage, so werde ich zum Kapitel „Behaviorismus“ geführt. Dort wird Microlearning mit dem mobilen Lernen zusammengebracht, aber auch mit der Warnung, dass sich in kurzen Zeitfenstern nur begrenzte Lerninhalte, sprich: Faktenwissen, sinnvoll bearbeiten lassen. Es liest sich eher wie eine Verlegenheitslösung.

Im eingangs erwähnten Webinar gab es ein Schaubild mit einer Gegenüberstellung von Microlearning und Macrolearning (der Begriff war mir, das nur am Rande, neu). Microlearning, so heißt es da unter anderem, kommt ins Spiel, wenn ich sofort eine Antwort benötige („I need help now“), Macrolearning dagegen antwortet auf „I want to learn something new“. Das eine ist getrieben durch meine Fragen, beim anderen werde ich von Experten geführt. Aber auch diese Unterscheidung wirft Fragen auf, und ich bin nicht sicher, ob sie es in die Neuauflage der „Mediendidaktik“ schaffen wird.

Vielleicht, so mein heutiges Fazit, erweitert Microlearning vor allem den Blick: darauf, dass Lernen ein kontinuierlicher Prozess ist, in dem „große Lernblöcke“ durch kleine Impulse eingeleitet oder durch kurze Refresher fortgeführt werden können; darauf, dass Lernen formal und informell stattfindet und an vielen Stellen, oft hinter unserem Rücken, fest in unseren Alltag eingebettet ist. „Alte“ Newsletter-Dienste versuchen auch, solche Impulse zu setzen. Heute kommen sie als Messenger-Dienste via WhatsApp oder Telegram daher, wie die „tägliche Dosis Politik“ der Bundeszentrale für politische Bildung. Auch eine Form von Microlearning!?

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