Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Ansichten zur Kommentarkultur in Weblogs

„Huch, ich werde beforscht“, twitterte gestern Joachim Wedekind, als er Rolf Schulmeisters Analyse der Kommentarkultur in Weblogs vor sich liegen hatte. Mir geht es genauso, aber nachdem ich meine Neugierde befriedigt habe, will ich – aller Befangenheit zum Trotz – eine kurze Einschätzung versuchen. Auf eine Zusammenfassung des Artikels verzichte ich an dieser Stelle, es sind nur ca. 20 Seiten!

  • An einigen Stellen der Untersuchung wird deutlich, dass es Rolf Schulmeister im Kern um die „Diskursqualität“ im Web 2.0 geht, die er mit Blick auf die Kommentarkultur in Weblogs zu erhellen erhofft. Das ist pragmatisch, wird aber der gelebten Web 2.0-Kultur kaum gerecht. Die vielfältigen Ausdrucksformen im Netz sind so verwoben und verändern sich in einer Dynamik, dass die Untersuchung eines einzelnen Bausteins fast zwangsläufig zu kurz greifen muss. Wie Michael Kerres hatte ich bei der Lektüre des Aufsatzes das Gefühl, dass wichtige Rückmeldungen, auch im Sinne eines Diskurses, hier nicht erfasst werden (weil nicht als expliziter Blog-Kommentar sichtbar).
  • Wie umfassend die Kommunikation im Web 2.0 ist, haben zum Beispiel kürzlich Forrester Research gezeigt, indem sie nicht nur von aktiven und passiven Web-Nutzern sprechen, sondern je nach Grad der Aktivität verschiedene Profile unterscheiden. In letzter Konsequenz sind heute Reales und Virtuelles so verwoben, dass auch, wer das Internet nicht nutzt, von Rolf Schulmeister’s Aufsatz hören wird … 
  • Gut nachvollziehbar fand ich das folgende Fazit der Untersuchung: „Wenn man die drei Aspekte von Weblogs heranzieht, Identitätsmanagement, Beziehungsmanagement und Informationsmanagement, die Schmidt, Frees und Fisch (2009) unterscheiden, so kann man möglicherweise sagen, dass journalistische, politische und Corporate Weblogs eher dem Informationsmanagement verpflichtet sind und weniger Anlass zu Identitätsmanagement oder Beziehungsmanagement verspüren, während in den kleinen Netzwerken mit den „strong ties“, wie dem hier untersuchten EduBlogger-Netz eher das Identitäts- und das Beziehungsmanagement dominieren.“ Was wiederum zu tendenziell weniger Kommentaren führt.
  • Am wichtigsten ist mir aber der folgende Punkt: Das Spannende ist doch nicht Frage, ob Weblog-Autoren ihren eigenen (?) oder von Außen gesetzten (!) Ansprüchen gerecht werden und ob die Diskursqualität im Web 2.0 eine wie auch immer definierte Hürde nimmt. Hier bleibt der Autor Beobachter, und ich frage mich warum? Viel spannender wäre es doch, von ihm zu hören, ob und, wenn ja, wie sich die Diskursqualität in den Wissenschaften und im gesellschaftlichen Austausch verändert hat? Und ob das Web und Web 2.0 hier einen Beitrag leisten konnten.

Eine abschließende Anmerkung: Rolf Schulmeister schreibt nach Auszählung der Blogs und ihrer Posts: „Spitzenreiter im Posten sind Jochen Robes und Martin Ebner. Sie haben in den 122 Tagen des Untersuchungszeitraums fast gleich viele Beiträge verfasst. Die inhaltliche Analyse wird herausfinden müssen, wie sie das bewerkstelligen konnten.“ Hier hatte ich mir etwas mehr versprochen … aber ich mache weiter!

So, ich breche an dieser Stelle ab, werde aber mit Blick auf die laufende Diskussion den Faden sicher noch einmal aufnehmen.
Rolf Schulmeister, Preprint aus: P. Bauer, H. Hoffmann & K. Mayrberger (Hrsg.): Fokus Medienpädagogik – Aktuelle Forschungs- und Handlungsfelder. Festschrift für Stefan Aufenanger. kopaed: München 2010, S. 317-347 (pdf)

Verwandte Beiträge

12 Responses to “Ansichten zur Kommentarkultur in Weblogs”

  1. Martin Hofmann

    Bei allem Respekt vor Rolf Schulmeister – und das haben doch die meisten von uns ein wenig zu viel. Auch wenn seine Sichtweisen auf Web 2.0 und Nextgeneration interessante Aspekte enthält, urteilt Herr Schulmeister aus einer Web 1.0 Perspektive. Was ich damit sagen möchte, Herr Schulmeister als Nicht-Blogger hat einfach nicht verstanden, um was es beim Social Web geht. Er hat noch nicht begriffen, dass sich neben den althergebrachten Formen der Wissensvermittlung sich neue Diskursformen im Web 2.0 entwickelt haben. Während Hunderte sich Ihr Knowhow heute aus Blogbeiträgen holen, liest nur noch gerade eine Minderheit wissenschaftliche Abhandlungen. Weshalb Schulmeister Kommentare auszählen lässt, um daraus auf den Wert des Diskurses zu schliessen ist mir schleierhaft – unverstanden. Um den vollen Umfang solcher Diskurse zu erfassen, müssten zusätzlich die Tweets und weitere Social Web Beiträge der Blogger miterfasst werden. Der Diskurs lässt sich halt nicht nur auf einzelne Kommentare reduzieren. Bei allem Respekt – ein wenig weniger Respekt wäre vielleicht hilfreich!

  2. Jutta Dierberg

    Zitat Jochen Robes “ Am wichtigsten ist mir aber der folgende Punkt: Das Spannende ist doch nicht Frage, ob Weblog-Autoren ihren eigenen (?) oder von Außen gesetzten (!) Ansprüchen gerecht werden …“

    Für mich ist durch die Möglichkeit mich öffentlich äussern zu können und dies bei freier Wahl des Rahmens und der Stilmittel, und dazu schnell, das „Eigene“ so eigen geworden wie es nie zuvor war;:-)

    Dabei treten die „von aussen gesetzten Ansprüche“ klar als Notwendigkeit in Erscheinung, mich verständlich zu machen.

    Jutta Dierberg

    (nicht nur) Bilderbuch-Bloggerin

  3. Michael Süßholz

    Zitat Martin Hofmann: „Während Hunderte sich Ihr Knowhow heute aus Blogbeiträgen holen, liest nur noch gerade eine Minderheit wissenschaftliche Abhandlungen.“
    Interessante These – gibt’s dafür auch empirische Belege? Und wenn es so sein sollte, würde es Schulmeister nicht eher bestätigen? Wenn die Diskursqualität abnimmt, gleichzeitig aber eine Mehrheit ihr KnowHow aus den Blogs bezieht wären die Folgen doch eindeutig …

    Michael Süßholz

  4. Jochen Robes

    @Martin Hofmann, Michael Süßholz: Ich denke, die Diskursqualität in den Wissenschaften beginnt sich langsam zu verändern. Bloggende Wissenschaftler, die Integration des Internets in Forschung und Lehre, Open Access usw. können dafür Indizien sein. Aber das ist meine Außenwahrnehmung. Im Kern fehlen derzeit wohl noch die Ansätze und Kriterien, um diese Diskursqualität zu beschreiben, zu untersuchen und ihren Wandel zu verstehen. Rolf Schulmeister hat sich da – isoliert, da sind wir uns einig – einen Punkt herausgenommen. Das könnte ein Anfang sein.

    @Jutta Dierberg: Ich glaube, dieser Punkt ist sicher und unbestritten auf der „Haben“-Seite. Seth Godin hat vor einigen Monaten einmal gesagt: “Wenn niemand deinen Blog liest, es spielt keine Rolle! Viel wichtiger ist darüber nachzudenken, was man tut und sagt, wie man sich darstellt, ganz egal, ob es für einen Kollegen oder deine Katze ist. Sich in einigen Absätzen darüber Rechenschaft abzulegen, warum man etwas getan hat.”

    Viele Grüße, Jochen

  5. Schulmeister

    […] weiteren interessanten Aspekt nennt Jochen Robes, indem er schreibt: Wenn man die drei Aspekte von Weblogs heranzieht, Identitätsmanagement, […]

Comments are closed.