Jochen Robes über Bildung, Lernen und Trends

Gibt es eine „Net Generation“? Dekonstruktion einer Mystifizierung

Inzwischen ist Rolf Schulmeisters Auseinandersetzung mit dem Konzept der „net generation“ auf 168 Seiten angewachsen und liegt in der dritten erweiterten Version vor. An der Struktur des Reports hat sich nichts geändert. Am Anfang steht nach wie vor der Überblick über die „Propagandisten der Net Generation“, allen voran Marc Prensky. Dann wertet Rolf Schulmeister eine breite Palette empirischer Studien aus, um die mit dem Konzept der „net generation“ verknüpften Konstrukte, Annahmen und Thesen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Jetzt hat Rolf Schulmeister weiteres Material in seine Untersuchung aufgenommen, ohne von seinem Gesamturteil abzurücken:
„Der bedeutsamste Vorwurf, den man den Schreibern der Millenials oder der Net Generation machen kann, ist der, dass sie mit dem Klischee der Generation die fundamentale Diversität der Jugend bzw. der Lernenden zukleistern und damit genau jene Lernercharakteristika verdecken, die für Erzieher und Pädagogen, für Lehrer und Hochschullehrer essentiell sind.“ (S. 152)

Auch bei der dritten, zugegeben etwas schnelleren Lektüre gefällt mir die klare Sprache, die Rolf Schulmeister pflegt. „Es fehlt die Forschung, es werden unbelegte Behauptungen aufgestellt“ (S.21), ist der offene Vorwurf, den sich Prensky und Co. wiederholt gefallen lassen müssen. Aber es geht auch subtiler, z.B. wenn Rolf Schulmeister über die Quelle, in der ein Aufsatz Marc Prensky’s erschienen ist, nachschiebt: „Inzwischen ist die Zeitschrift eingestellt worden.“ (S. 5 – und wir ahnen warum!) Oder wenn er bei einer anderen Quelle betont, dass sie „von angesehenen Wissenschaftlern“ (S. 32) stammt (als ob damit jeder Irrtum ausgeschlossen sei).

Wenn ich auch in weiten Teilen der Argumentation Rolf Schulmeisters folge und zustimme (lediglich bei einigen Web 2.0-Wendungen wäre ich mit Blick auf die Weiterbildung offensiver), so möchte ich andererseits den Beitrag der „Propagandisten“ nicht missen. Die schnellen, oft ohne empirische Absicherung hingeworfenen Konzepte – von der „net generation“, über „e-learning 2.0“ bis zum „connectivism“ – entzünden häufig erst eine Diskussion und setzen Phantasie, in Theorie und Praxis, frei. Und sie führen zu Untersuchungen wie der vorliegenden.
Rolf Schulmeister, Hamburg, Dezember 2009 (pdf)

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