Campus Innovation 2009

Posted on 27 November 2009 by jrobes

Ich bin gerade aus Hamburg zurück, wo ich zwei intensive Tage mit vielen Präsentationen und Gesprächen zugebracht habe. Am ersten Tag war ich selbst aktiv, zuerst im Track “eLearning”, wo ich über den Open Online Course “Connectivism and Connective Knowledge” von Stephen Downes und George Siemens berichtet habe. Ich hatte die Idee, einfach mal aufzuzeigen, wie man - aus Sicht der Hochschulen - E-Learning in einer offenen, vernetzten Gesellschaft auch denken kann. Die Rückmeldungen auf diesen Appell waren, wenig überraschend, überwiegend skeptisch: da wurde u.a. auf den “geschützten Raum” für Lerner hingewiesen, der sich mit solch offenen Konzepten nicht verträgt; es wurde der mit einem solchen Projekt verbundene organisatorische Aufwand beklagt; und es wurde die Datensicherheit einer solchen dezentralen, technischen Infrastruktur bezweifelt. Kurz, Projekte wie sie Stephen Downes, George Siemens, David Wiley, Alec Couros (und wahrscheinlich noch einige andere, von denen ich nichts weiß) durchführen, scheinen in unserer Hochschullandschaft schwer denkbar (hier liegen meine Slides). Nur am Rande: Innovative Lernszenarien waren auch sonst in diesem Track kein Thema …

Ich war dann noch gebeten worden, am Abend an einer Podiumsdiskussion zum Thema “Bologna 2010: IT als Ursache oder Wirkung von Hochschulentwicklung” teilzunehmen. Meine Mitstreiter waren August-Wilhelm Scheer (Präsident des BITKOM), Godehard Ruppert (Präsident der Virtuellen Hochschule Bayern), Andrea Back (Institut für Wirtschaftsinformatik, Universität St. Gallen, hier mit ihren Thesen zur Podiumsdiskussion) und Holger Tiedemann (Behörde für Wissenschaft und Forschung, Hamburg). Ich war wirklich sehr neugierig darauf, wie mich die Moderatoren Christoph Igel (Universität des Saarlandes) und Bernd Kleimann (HIS GmbH) wohl in eine Bologna-Diskussion integrieren. Leider muss man rückblickend sagen, ist es zu einer solchen Diskussion erst gar nicht gekommen. Oder wie Peter Baumgartner es twitternd verfolgte: “Also doch nur Statements? Diskussion?” und etwas später, wohl schon resignierend: PodiumsDISKUSSION #ci09“. 

Am zweiten Tag bin ich ganz dem Themenschwerpunkt “ePortfolios” gefolgt: Zuerst gab es die Keynote von Gabi Reinmann (”Königsweg oder Sackgasse? ePortfolios für das forschende Lernen”), die neben grundlegenden Ausführungen zum forschenden Lernen auch auf die Ambivalenz der ePortfolio-Modelle hinwies (hier gibt es bereits die Textfassung ihres Vortrags). Danach gab es einen Überblick über Hamburger ePortfolio-Projekte, bevor Thomas Häcker (Universität Rostock) den aus meiner Sicht interessantesten Vortrag der Konferenz hielt: “Portfolio revisited - über Möglichkeiten und Grenzen eines vielversprechenden Konzept”. Er wechselte, sehr unterhaltsam und kritisch, immer wieder die Perspektive: vom Anhänger zum Skeptiker, warnte vor der Vereinnahmung des ePortfolio-Ansatzes durch “neoliberales Gedankengut” und vor der Gefahr, durch ein Zuviel an Reflexion, Administration und Technologie das zu vergessen, was jedes Portfolio initiieren sollte: einen Dialog zwischen Personen.

Ansonsten gilt mein Dank den Organisatoren, die für eine angenehme Veranstaltungsatmosphäre gesorgt hatten, sowie den vielen netten Gesprächspartnern, die in diesen Tagen meinen Weg kreuzten! By the way, auf der Konferenz wurde auch getwittert … (hier alle Meldungen zu “ci09″).
Campus Innovation 2009


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5 Comments For This Post

  1. Gabi Reinmann Says:

    Hallo Jochen,

    du schreibst kritisch, dass es wenig Innovatives auf der Tagung gab. Ich frage mich allerdings auch: Wann ist denn im Bereich der Bildung etwas innovativ? Ich habe schwer den Verdacht, dass man das gerne an Begriffen und Ideen festmacht, dann aber schnell das nächste Schlagwort sucht, wenn man in der Bildungspraxis merkt, dass die Umsetzung einer Idee nicht funktioniert oder nur zur Hälfte oder nur unter sehr speziellen Bedingungen (wie z.B. bei E-Portfolios). Dabei wird es doch erst so richtig spannend, wenn man hier weitermacht und auch weiterarbeitet. Innovativ etwa in der Hochschule - das darf man nicht mit spektakulär verwechseln! Austausch etwa in den ersten Semestern zwischen Studierenden darf man nicht mit einem Expertendiskurs verwechseln. Die Motive von Studierenden darf man nicht mit denen von Mitarbeitern in Organisationen verwechseln. Wenn man sich das alles mal klar vor Augen hält, dann läge das Innovative vielleicht vor allem darin, Studierenden in ihrer spezifischen Entwicklungsphase eine anschlussfähige und dennoch überraschende Chance zu geben, selbst nachzudenken, ihnen für dieses Nachdenken aber auch den geeigenten Rahmen UND erste Inhalte zu bieten, ihnen vor allem auch Orientierung und Rückmeldung zu geben. In den Folgesemestern dann sind die Spielräume bereits weiter, die es dann sukzessive zu erweitern gilt. Das beißt sich leider auf der operativen Ebene sehr oft mit eng gestrickten Modulen mit wenig Wahlmöglichkeiten, die aber nicht immer nur so eng sind, weil die Professoren nicht mehr richten ticken, sondern weil man aus Ressourcengründen oft gar keine andere Chance hat. Um nicht missverstanden zu werden: Offenheit und Kreativität in der Didaktik - das brauchen wir unbedingt! Wenn Inhalte da sind, sollte man, wo immer es geht, diese öffnen. Begleitung, Betreuung und Rückmeldung aber sind an die Zahl der Studierenden gebunden - ein Punkt, der z.B. beim (mir an einer Uni wichtig erscheinenden!) forschenden Lernen eine große Rolle spielt. Hier stößt die Öffnung an ihre Grenzen - mit mangelnder Innovativität hat das nichts zu tun. Auf einen Kreativitätsworkshop würde ich allerdings gerne mal unsere Politiker schicken!

    Gabi

  2. Jochen Robes Says:

    Hallo Gabi,

    ich habe jetzt auch noch einmal überlegt, was ich eigentlich meine, wenn ich von “innovativ” spreche bzw. wenn ich sage, dass ich “innovative Lernszenarien” vermisst habe. Vorneweg: Ich habe es hier natürlich leicht, weil ich nicht in den Hochschulalltag eingebunden bin und nicht gleich an begrenzte Ressourcen, bestehende administrative Auflagen, Credit Points oder an verschiedene Zielgruppen von Studierenden denken muss.

    Mit Blick auf die beiden Tage in Hamburg hatte ich erst einmal das Gefühl, dass beim Thema E-Learning ganz einfach nicht die Chance genutzt wurde, z.B. Dich, Peter Baumgartner, Andrea Back, Sandra Schaffert u.a. mit Euren Praxisprojekten stärker zu Wort kommen zu lassen. Soweit ich das verfolgen kann, lebt ihr an vielen Stellen genau die Versuche, bestehende Lehr-/Lernstrukturen aufzubrechen und nutzt dabei die Möglichkeiten des Netzes, wo immer es geht.

    Darüber hinaus, und jetzt riskiere ich einen “größeren” Wurf, interessieren mich Projekte, die das Netz und Web 2.0 nutzen, um sich auf andere, neue Art und Weise mit einem Thema auseinanderzusetzen: die neue Zielgruppen, auch außerhalb der Hochschule, in diese Auseinandersetzung einbeziehen (wie z.B. das CCK08-Projekt); Projekte, in denen lehrende und/oder Studierende verschiedener Hochschulen an einem Thema arbeiten und das Netz nutzen; in denen sich über mehrere Semester (Online-)Netzwerke bilden, die ein Thema in verschiedenen Formen und in enger Verbindung mit formalen, curriculargebundenen Veranstaltungen bearbeiten; in denen man mit Arbeitsergebnissen nach “draußen” (Internet?) geht und diese vorstellt, zur Kommentierung einlädt; in denen man sich z.B. praktisch mit seinem Thema auf Wikipedia einlässt, um festzustellen, wie Netzwerke funktionieren usw. Ich weiß, das gerade Letzteres in vielen Veranstaltungen praktiziert wird, ich höre nur leider viel zu wenig davon.
    Dann interessieren mich natürlich auch die Hochschulinitiativen, die - auf einer Metaebene - versuchen, die verschiedenen “Open”-Projekte (Open Access, Open Content, Open Teaching usw.) voranzutreiben.

    Kurz: Neben den kleinen Schritten im Kursalltag denke ich bei “innovativ” vor allem an Projekte, die das traditionelle Verhältnis von Lehrenden und Studierenden aufbrechen, die über die Vermittlung und das Management von Inhalten hinausgehen und die versuchen, die Möglichkeiten der Netzwerke und Communities aktiv zu nutzen.
    Jochen

  3. Joachim Wedekind Says:

    Hallo Jochen,

    ich höre sehr viel Sympathie z.B. für den CCK08-Kurs heraus. Bei dem waren für mich zwei Aspekte sehr ambivalent. Als Teilnehmer (jedenfalls habe ich das drei Wochen versucht) fehlte mir bei dem Kurs die Struktur. Ich wollte wirklich in einem überschaubaren Zeitraum gezielt umfassenderes Wissen erwerben, als es mein rein selbstgesteuertes Lernen und “Rumgegoogele” bis dato erlaubt hatte. Diese Struktur gab mir der Kurs nicht (anderen vielleicht schon). Ich habe mich in der Vielzahl der Angebote verloren, selbst die Beschränkung auf die Angebote der Kursleiter (Wiki, Blog, Daily) half mir nicht, weil auch das eine kaum zu bewältigende (und nicht einleitend kommentierte) Überfülle darstellte. Wäre interessant zu wissen,, welche Lernerlebnisse andere damit hatten. Gab es da irgendeine Nachuntersuchung?

    Nun zu Möglichkeiten, solche Veranstaltungsformen zu erproben. Siemens und Downes konnten das in ihrem institutionellen Kontext realisieren. Wer hätte bei uns dazu die Ressourcen? “Normale” Hochschuleinrichtungen täten sich da wohl schwer. Die FU Hagen? Interessant wäre das schon, z.B. um zu sehen, wie sich Mängel vermeiden ließen, wie ich sie bei CCK08 empfunden habe. Im Hochschulalltag glaube ich mehr an die von Gabi erwähnten “inkrementellen Innovationen”.

    Joachim

  4. Jochen Robes Says:

    Hallo Joachim,

    Sympathie trifft genau den Punkt, denn im Selbstversuch bin ich an die Grenzen gestoßen, die Du auch schilderst. Ich bewundere auch weniger die konkrete Umsetzung dieses Kurses, als vielmehr den Mut der Beteiligten, die “sicheren”, institutionell abgefederten Pfade zu verlassen und mit Hilfe des Netzes neue Lernszenarien auszuprobieren. Ich habe diesbezüglich auch nur anekdotische Rückmeldungen im Kopf - bis auf eine aktuelle Untersuchung in der empfehlenswerten IRRODL-Ausgabe “Openness and the Future of Higher Education” (hier: Antonio Fini: The Technological Dimension of a Massive Open Online Course: The Case of the CCK08 Course Tools - http://www.irrodl.org/index.php/irrodl/issue/view/38).

    Und was die Umsetzung hierzulande betrifft, habe ich auch mehr Fragezeichen als Ideen. Wir sind nicht gerade reich an Köpfen wie Siemens und Downes. Aus Hagen höre/ lese ich wenig Interessantes. Schade finde ich, wenn der Blick auf die bestehende “Ressourcenlage” einen schon davon abhält, solche Konzepte wenigstens zu denken. Aber vielleicht ergibt sich ja 2010 mal im Kleinen eine Möglichkeit …

    Jochen

  5. Kerbie Says:

    Schade das es zur erwünschten Diskussion nicht gekommen ist. Trotzdem stelle ich mir die Beiträge schon interessant vor. Nun ja…. Aber auch ein kritischer Beitrag, wie von Dir beschrieben, ist völlig ok.

    Viele Grüße

    P.S.: Ich werde mich hier jetzt sicher öfter einfinden.

8 Trackbacks For This Post

  1. e-Denkarium » Blog Archiv » Das Kreuz mit dem Neuen Says:

    […] das „Networking“ investierte Zeit und Kosten rechtfertigen. Und so beklagt auch Jochen Robes (hier) am Ende der Campus Innovation 2009 in Hamburg, innovative Lernszenarien seien kein Thema gewesen. […]

  2. uberVU - social comments Says:

    Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by jrobes: hier meine Kurzzusammenfassung nach zwei Tagen “Campus Innovation” in Hamburg: http://tinyurl.com/yj82m8w #ci09…

  3. Ein Online-Seminar mit über 2000 Teilnehmern - Open, Form, Connectivism, Knowledge, Teaching, Teilnehmer, Kurs, Robes - Infoport Says:

    […] Campus Innovation 2009 referierte heute Dr. Jochen Robes (Weiterbildungsblog.de) über einen Online-Kurs,  der 2008 und in diesem Jahr erneut mit mehr als 2000 Teilnehmer stattfindet. Das Thema […]

  4. E-Portfolio bei Campus Innovation 2009 « Mediendidaktik 2.0 Says:

    […] Jochen Robes […]

  5. Ich bin ein Netzwerkknoten: Says:

    […] ist das schwierig umzusetzen in einem unflexiblen System, in dem die Studierenden sich abstrampeln, die nächste Prüfungsphase […]

  6. M:blog » Blog Archiv » Weniger ist manchmal Mehr … Says:

    […] von einzelnen Aspekten im Kontext der Campus Innovation 2009 sind u.a. bei Ilona Buchem, Jochen Robes, Frank Vohle und  Gabi Reinmann zu […]

  7. ePortfolios auf der Campus Innovation 2009 « eLearning-Blog der Technischen Universität Hamburg-Harburg Says:

    […] Jochen Robes, der selber als Referent vorgetragen hat, beschreibt kritisch seine Sicht der Konferenz: http://www.weiterbildungsblog.de/2009/11/27/campus-innovation-2009/#more-3121 […]

  8. ePortfolios auf der Campus Innovation 2009 « eLearning an der Technischen Universität Hamburg-Harburg Says:

    […] Jochen Robes, der selber als Referent vorgetragen hat, beschreibt kritisch seine Sicht der Konferenz: http://www.weiterbildungsblog.de/2009/11/27/campus-innovation-2009/#more-3121 […]

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