Die E-Learning-Industrie hinkt den Potenzialen innovativer Pädagogik deutlich hinterher

Posted on 26 May 2009 by jrobes

Eine interessante Abrechnung mit der E-Learning-Industrie, die Wolfgang Neuhaus geschrieben hat. “Das aggressive Branding der E-Learning-Industrie (Revolution des Lernens, Blended Learning, User Generated Content, Web 2.0 ) verdeckt die wachsende Kluft, die zwischen anspruchsvoller Pädagogik und E-Learning im Laufe der Jahre entstanden ist.” Wobei ich glaube, dass der Widerspruch schon in der Gegenüberstellung von “Industrie” und “innovativer Pädagogik” liegt. Die E-Learning-Industrie, vor allem mit Blick auf die betriebliche Weiterbildung, tritt an, das Personal- und Bildungsmanagement zu unterstützen. Es geht um Effizienz und Kosten. Das gilt bis heute, wenn man die Standortbestimmungen der E-Learning-Branche in der aktuellen Wirtschaftskrise liest. Eine Revolution des Lernens ist da eher ein netter Nebeneffekt. Das mag man nüchtern oder ernüchternd nennen, ist aber bis heute für alle Beteiligten transparent und unproblematisch.

Erst in allerjüngster Zeit, gestützt auf Social Software, Community-Erfahrungen im Web und auf Open Source-Plattformen wie Moodle, machen sich Industrie und Anwender Gedanken über ein stärkeres Miteinander von Bildungsmanagement (top down) und Lernerfahrungen (bottom up). Und das ist eine neue Qualität, auf die auch Wolfgang Neuhaus im Fazit seines Beitrages hinweist, wenn er an die “Lernenden und die professionellen Pädagoginnen und Pädagogen” appelliert, “das Heft in die Hand (zu) nehmen“. Lesenswert!
Wolfgang Neuhaus, modellhaft …, 22. Mai 2009

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4 Comments For This Post

  1. branchen-kontakt.de Says:

    dem Artikel kann ich nur zustimmen

  2. Wolfgang Neuhaus Says:

    Lieber Jochen Robes,

    ich würde diese Diskussion anhand Ihrer Darstellung gerne etwas vertiefen.
    Sie schreiben “Die E-Learning-Industrie, vor allem mit Blick auf die betriebliche Weiterbildung, tritt an, das Personal- und Bildungsmanagement zu unterstützen. Es geht um Effizienz und Kosten.”

    Ich komme ja nicht aus der Wirtschaft, aber die Art wie dort und gerade in der E-Learning-Branche Effizienz und Kosten betrachtet werden, ist für mich immer wieder ein Rätsel. Bereits Im Jahr 2001 stellte eine große Studie der KPMG fest, dass nur 18,4 % der Mitarbeiter aus 600 befragten Unternehmen (mit mehr als 100 Mitarbeitern) durch angebotene E-Learningmaßnahmen erreicht wurden und nur weniger als die Hälfte dieser Mitarbeiter überhaupt Gebrauch von diesen Maßnahmen machten. Der finanzielle Aufwand der Unternehmen, der im mehrstelligen Millionenbereich lag, stand in keinerlei sinnvollem Verhältnis zum Nutzen.

    Im Jahr 2007 resumierte Michael Kerres im Handbuch Medienpädagogik (VS Verlag) die Ergebnisse bisheriger Forschungen zur Effizienz von E-Learning-Maßnahmen: “Die Erwartungen an die in den letzten Jahren besonders diskutieren digitalen und interaktiven Medien sind vielschichtig. Besonders verbreitet ist die Hoffnung, dass der Einsatz digitaler Medien bessere Lernleistungen erzielt und dies mit einer höheren Effizienz, d.h. Lernergebnisse mit letztlich geringeren Auf-
    wändungen erzielen zu können. Beide Annahmen finden durch die Forschung bislang eher wenig Unterstützung. Es muss vielmehr davon ausgegangen werden, dass im Durchschnitt betrachtet Lernerfolg eher unabhängig ist von dem gewählten Mediensystem. Eine mögliche Kostenersparnis bei gleich bleibendem Lernerfolg (!) ist darüber hinaus bisher überraschend selten systematisch nachgewiesen worden (vgl. ausführlicher Kerres, 2001).” (Kerres, 2007, S.3)

    Möglicherweise ist dies auch der Grund, warum Andrea Back nun den Umbruch in der Branche - weg vom klassischen E-Learning, hin zum Web 2.0 - als disruptive Innovation analysiert. Ich bin davon überzeugt, das es nichts nutzen wird, immer wieder der nächsten Parole (Web 2.0, Semantisches Netz, Cloud Computing ?) hinterherzulaufen. Effizienz lässt sich aus meiner Sicht letztendlich nur durch eine hohe Qualität der Produkte erreichen und die findet man bezogen auf das Lernen nicht in der Wirtschaftsinformatik oder den Medienwissenschften sondern in der Pädagogik …

    Grüße aus dem sommerlichen Berlin
    Wolfgang Neuhaus

    Literatur:
    Kerres, M. (2007). Mediendidaktik. In F. von Gross, & K. - U. Hugger (Eds.), Handbuch Medienpädagogik. Wiesbaden: VS Verlag.

  3. Jochen Robes Says:

    Lieber Wolfgang Neuhaus,
    gute Punkte, die Sie da anführen, und ich will versuchen, auf den einen oder anderen einzugehen. Vernachlässigen würde ich gerne die KPMG-Studie aus 2001, weil in dieser Zeit in alle Projekte mit einem “e” (Stichwort: e-Commerce) Millionensummen gesteckt wurden und nur die wenigsten haben ihre Erwartungen erfüllt. Dann kam die Dotcom-Krise, und alles wurde etwas realistischer.

    Was die Effizienz von E-Learning-gestützten Maßnahmen betrifft, so gibt es zwei Möglichkeiten: Wir können für die Schulung von, sagen wir, 10.000 Mitarbeitern einfache Kostenkalkulationen entwerfen, verschiedene Lernformen in ihrer Entwicklung und Umsetzung gegenüberstellen, und da schneidet E-Learning mittel- bis langfristig gegenüber alternativen Schulungsformen gut ab.

    Oder wir können versuchen, die Frage des Lernerfolgs in eine Gesamtkalkulation aufzunehmen, aber hier wird die Luft zugegebenermaßen schnell dünn. Aber nicht nur für E-Learning! Auch Michael Kerres tut ja nichts anderes, als auf diese dürftige Aktenlage hinzuweisen. Aber das gilt für die gesamte betriebliche Weiterbildung! Oder wissen Sie von Studien, die von einem nachgewiesenen wirtschaftlichen Erfolg des Besuchs von Rhetorik-Seminaren berichten können?

    By the way, ich halte diese Fragestellungen insgesamt für wenig sinnvoll, aber E-Learning hat hier an der Ausgangslage wenig verändert. Konzentrieren wir uns lieber aus pädagogischer Sicht auf die Qualität aller unserer Bildungsangebote. Wie Sie schreiben.
    Beste Grüße, JR

  4. Wolfgang Neuhaus Says:

    Ich möchte hier niemanden langweilen und denke dies ist im Prinzip auch der falsche Ort, diese Diskussion zu führen, deshalb hier nur in Kürze das Fazit, das ich aus dem bisher gesagten ziehen würde:

    Während das Marketing der E-Learning Industrie unablässlich eine neue Qualität des Lehrens und Lernens verspricht, ziehen die Manager derselben Unternehmen die Kostenschraube an. Qualität wird dadurch eher in kostengünstigen Technologien gesucht als in qualifiziertem Personal. Die Qualität von Bildungsmaßnahmen verliert damit zwangsläufig an Wirkkraft, Tiefe und Vielfalt. Lehrende in Schulen und Hochschulen, die zunehmend auch in das Visier der Vermarktungsstrategien solcher Unternehmen geraten, müssen vor diesen Tendenzen gewarnt werden. Denn E-Learning, Blended Learning und Web 2.0 sind vor allem Marketing-Begriffe der Wirtschaft und stehen für Effizienz im Sinne eines Return on Investment und nicht für eine höhere Qualität der Bildung.

    Ich danke für die interessante Diskussion Herr Robes und werde alle weiteren Gedanken und Impulse zu diesem Themengebiet auf dem Blog Mediendidaktik weiterführen.

    Mit besten Grüßen
    Wolfgang Neuhaus

1 Trackbacks For This Post

  1. Ungerechtfertigte Vorreiterrolle? » Learning Waves Says:

    […] (Quelle: http://www.weiterbildungsblog.de/2009/05/26/die-e-learning-industrie-hinkt-den-potenzialen-innovativ…) […]

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