Personal Learning Environments: von der Lehr- zur Lernplattform

Posted on 18 March 2009 by jrobes

Michael Kerres hat vor einigen Tagen auf der Tagung “Personal Learning Environments in der Schule” an der Pädagogischen Hochschule in Goldau (Schweiz) präsentiert, diese Präsentation vertont und jetzt online verfügbar gemacht. Es ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema “Schul-IT trifft Web 2.0″, wobei Schule hier durch jede andere Bildungsinstitution, ja, auch durch die betriebliche Weiterbildung ersetzt werden könnte. Die Fragen, die Michael Kerres stellt: Wie finden bestehende Learning Management Systeme, die Michael Kerres im Kern als “Lehrplattformen” identifiziert, und die individuellen Lern- und Kommunikationsaktivitäten der Teilnehmer (Schüler, Studierende, Mitarbeiter) im Web 2.0 zueinander? Wie können diese Systeme miteinander kommunizieren? Und, wenn man sich auf diese Sichtweise einlässt, bedeutet es nicht, einen umfassenden Change Prozess einzuleiten, der weit über einzelne IT-Anschaffungen, Lehrerfortbildungen und Programmentwicklungen hinausgeht? Ein schöner Vortrag, ein schönes Format und eine gute Einstimmung für meine morgige Fahrt zum MoodleMoot nach Bamberg.

“Was ist dann (wenn überhaupt) das Besondere/ das Neue an dieser Diskussion? Bislang standen “Lehrplattformen” und “Lernangebote” im Vordergrund, die WIR uns ausgedacht haben: Was sind Funktionen von “Learning Managemnet Systemen”? Wie können wir Contents aufbereiten mit Lernobjekten / Repositories etc.? Wir haben versucht, Lernumwelten für die Lernenden zu definieren - und haben dabei aus dem Blick gelassen, wie und wo sich die Lernenden im Internet bewegen.

Nun wenden wir den Blick auf die Umwelt der Lernenden und schauen uns an, wie könnte eine persönliche (digitale) Umwelt von Lernenden gestaltet werden, die die Nutzungsvarianten der Lernenden aufgreift. (Ein) Hintergrund ist die Tatsache, dass die Lernenden sich anders und in anderen Welten bewegen, als dies die Angebote der (Hoch-) Schule heute vorsehen. Das wird im übrigen wohl nicht heissen, einfach SchülerVZ als Lernplattform zu nutzen… Das heisst einzig: Konzepte für Schul-IT und (mediale) Lernangebote sind in Relation und als ein Beitrag zu sehen zur Gestaltung persönlicher Lernumwelten.”
Michael Kerres, Blog, 16. März 2009

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4 Comments For This Post

  1. Lisa Rosa Says:

    Ja, dass man sich Gedanken macht, wie die Lernplattform die Lern- und Lebenswelt der Lerner berücksichtigt, anstatt ihnen das Korsett des Lehrers überzustülpen, finde ich einen Fortschritt.
    Aber ich wage mal eine Analogie: Viele Lernplattformen (ich kenne nur diejenigen für die Schule) kommen mir vor wie die Fibeln fürs Lesenlernen.(Und in Wirklichkeit “lesen” die Schüler schon längst die Zeitungen am Kiosk.) Oder wie das “Übungsfahrrad”, das am Boden festgeschraubt ist, weil man doch zuerst einmal lernen soll, die Pedale zu treten, bevor man sich an das Gleichgewichtsproblem heranwagen kann… Ich verstehe inzwischen überhaupt nicht mehr, warum die Medien der realen Welt nicht zugleich auch die Lernmedien in den Bildungsinstitutionen sein können. Die Erkundung der Welt geht doch mit Blogs, Wikis, Twitter, … hervorragend - und ich glaube viel besser als mit scoyo et al. Diese letzteren “didaktischen” Lernplattformen zwingen zu Training und Lehrgang als Lernform. Problemlösen und Sinnbildung ist damit nicht zu wuppen.
    Ich stelle mir “Lernumgebung” inzwischen tatsächlich hoch individualisiert und in größere Lernvorhaben bzw. Projekte eingebunden vor: Mit dem Handheld oder dem Netbook geht man dann (vielleicht) morgens zur Schule, um seinen Tutor, seine Lerngruppen und seine Freunde zu treffen. Vielleicht aber eben auch nicht, weil man nämlich stattdessen gleich zum Supermarkt fährt, wo man mit Lernkamerad X die Kassiererinnen über ihre Arbeitsbedingungen interviewt. Dann kommt man erst nachmittags dazu, den Tutor zu treffen. Aber wahrscheinlich auch erst morgen, denn man möchte erst noch die Interviews auswerten, im Weblog die ersten Gedanken dazu zu posten, und einige Links abarbeiten, in denen man gesellschaftstheoretisches über die heutigen Arbeitsbedingungen gefunden hat. Inzwischen steht man natürlich über Twitter und Skype in Verbindung mit Tutor und Lerngruppe. Dem Tutor muss man eben schnell ausrichten, dass das Interview im Kasten ist, und vielleicht fragen, ob es nötig sei, sofort zu transkribieren? Und ob er sich das Video mal anschauen könnte? Was hält er davon? Und ob er inzwischen den englischen Text, den man im Wiki mit der Lerngruppe2 gestern Abend fertiggestellt hat, schon kommentiert hat? Und: Dass man zwar seine tipps gesehen hat, die man aber mit einem Kollegen aus Kanada besprochen hat, der ganz andere Vorschläge gemacht hat, die man jetzt verfolgen möchte. Usw. Wird das nicht eine ganz andere Definition von “Lernumgebung” sein? Eine, in der real-World und VR verknüpft sind. Eine, in der informelles und formelles Lernen ineinander übergehen. Und eine, in der die Lerner nicht nur entscheiden, WIE sie ihr Lernen organisieren, sondern auch, WAS sie auf die Hörner nehmen wollen.

  2. Jochen Robes Says:

    Danke für die Anmerkungen, denen ich ohne Einschränkung zustimme. Wahrscheinlich liegt die größte Hürde in der Tatsache, dass Lernplattformen eigentlich ja Learning Management Systeme sind, mit deren Hilfe Lernprozesse administriert und ausgewertet werden sollen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie die Schnittstellen der Lernplattformen zu den von Michael Kerres bschriebenen Aktivitäten im Web 2.0 zukünftig aussehen werden.
    Gruß, JR

  3. Daniel Staemmler Says:

    Schön zu lesen, dass Sie Herr Robes das Thema „Schul-IT trifft Web 2.0“ hier im Blog aufgegriffen haben. Mit Interesse habe ich den Kommentar von Lisa Rosa gelesen und Ihre Einschätzung über scoyo und weitere Lernangebote im Internet.
    Ich finde die Analogie, dass „… viele Lernplattformen […] wie die Fibeln fürs Lesenlernen“ sind durchaus zutreffend. Wir haben mit scoyo gerade hier einen anderen, neuen und innovativen Ansatz gewählt. Die Lerninhalte werden auf unterhaltsame, interaktive und didaktisch aufbereitete Art und Weise vermittelt. Ganz besonders wurde im Vorwege ganz besonders auf die Richtigkeit der zu vermittelnden Inhalte geachtet. Fachdidaktiker wurden in den Erstellungsprozess zur Überprüfung einbezogen und die Ergebnisse wurden mehrfach einem Lektorat unterzogen. Darüber hinaus stellt scoyo mit 80% der curricularen Vollständigkeit (in Deutschland) in den Hauptfächern Mathe, Deutsch und den Naturwissenschaften nach jetzigem Stand das einzige Angebot dar, das sich im Internet befindet.
    Web-2.0-Tools, wie Wikis, Blogs und Twitter stellen eine gute Möglichkeit dar, Informationen zu sammeln, zu aggregieren, zu ergänzen und dann erneut anderen Interessierten zur Verfügung zu stellen. Bieten diese Tools aber auch jedwedem Lerntyp die Möglichkeit sich an diesem Prozess zu beteiligen? Des Weiteren stellt sich die Frage, wer diesen Prozess des Lernens orchestrieren soll? Einige Personen in der Bildungslandschaft können und tun dies bereits, aber ein Großteil der Lehrkräfte hat schlichtweg nicht die Zeit dafür. Wie Herr Prof. Dr. Kerres treffend bemerkt, muss hier dringend darüber nachgedacht werden, wie die Medienkompetenzen bei Lehrpersonen sichergestellt bzw. ausgebildet werden kann.
    Ganz besonders bei Kinder, die noch unsicher im Umgang mit dem Computer und dem Medium Internet sind, wage ich zu bezweifeln, dass ein Lernen im „freien“ Raum des Internet möglich ist. Unterschiedliche Lerntypen und ausgeprägte Grade an Medienkompetenz (z.B. die Fähigkeit Quellen im Internet auf ihre Vertrauenswürdigkeit hin beurteilen zu können) benötigen verschiedene Zugänge zum Wissen. Kinder brauchen jemanden, der sie in ihrem Lernprozess unterstützt, ihnen Eselsbrücken und Regeln an die Hand gibt, ihnen Hilfestellung gibt, damit sie die alltäglichen Dinge und Probleme bewältigen und in ihre Lebenswelt tragen und anwenden können. Genau hier setzt scoyo an, indem ein problemorientierter Ansatz für die Lerngeschichten gewählt wird, der sich nah an der Lebenswelt der Kinder befindet und von ihnen sukzessive in einer sicheren Umgebung erarbeitet werden kann.
    scoyo soll die Schule ergänzen und nicht ersetzen. Tolle und engagierte Lehrer werden immer begeisterte Kinder in ihrer Schulstunde sitzen haben. Wir wollen Kindern die Möglichkeit geben, sich das Gelernte noch einmal erklären zu lassen, zu üben, zu testen und last but not least sich mit anderen vergleichen zu können.

  4. Jochen Robes Says:

    Zweifelsohne ein wichtiger Punkt, Herr Staemmler, der in der Diskussion manchmal zu kurz kommt! Das selbstorganisierte Lernen, die Nutzung der Möglichkeiten des Internets und des Web 2.0 ist an Voraussetzungen gebunden. Digitale Kompetenzen, Medienkompetenzen, Lernkompetenzen. Und es wird immer Zielgruppen geben, die Orientierung benötigen, wollen und suchen. Kinder und Heranwachsende sind da sicher an erster Stelle zu nennen.

    Das muss aber kein Widerspruch zu dem sein, was Michael Kerres skizziert. Er weist ja im Wesentlichen erst einmal darauf hin, dass es diese Lernwelt da draußen auch gibt und dass ich diese Lernwelten bei der Konzeption meiner Bildungsangebote und -prozesse auch berücksichtigen sollte. Lernen spielt sich heute an so vielen Orten ab (zu denen sicher auch scoyo gehört …), dass es keinen Sinn macht, eine bestimmte Lernplattform oder ein einzelnes Portal mit Bildungsangeboten als den “zentralen” Ort des Lernens zu betrachten.
    Gruß, JR

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Jochen RobesJochen Robes (Frankfurt), Berater mit den Schwerpunkten Human Resources/ Corporate Learning, e-Learning, Knowledge Management,
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