Ist Wissensarbeit 2.0 traumhaft oder traumatisch? (2)

Posted on 02 February 2009 by jrobes

Das ist die Frage, die Andrea Back in der ersten Ausgabe unseres WissensWert Blog Carnival stellt. Letzten Montag habe ich auf das Projekt hingewiesen, dieses Wochenende habe ich mich an einigen Antworten versucht.

Frage: Kann ich mit Web-2.0-Tools effektiver mit Information und Wissen umgehen?
Ich glaube nicht, dass ich durch Web 2.0-Tools effektiver mit Informationen umgehe. Aber die Möglichkeiten, sich Informationen zu erschließen, haben sich vervielfacht. Barrieren sind gefallen, Neuigkeiten erreichen den, der erreicht werden will, in einem Ausmaß, das vor wenigen Jahren noch undenkbar schien. Und diese Informationen sind heute in der Regel mit Menschen verlinkt, so dass jede einzelne Information schnell ein neues Netzwerk öffnen kann. Die Suche nach Antworten und Erfahrungen, nach Experten oder Mit-Betroffenen, kürzt das Web 2.0 ab. Aber am Ende des Tages muss ich diese Informationen doch wieder mit den Aufgaben zusammenbringen, vor denen ich gerade stehe. Wie früher auch.

Frage: Verbessern sich die Produktivität und Qualität der Arbeit?
Ja, da bin ich zuversichtlich. Auch wenn mir hier als Wissensarbeiter manchmal die Maßstäbe fehlen, um die unterschiedlichen Aufgaben, mit denen ich täglich zu tun habe, auf einen schnellen Nenner zu bringen. Und auch, wenn ich glaube, dass wachsende Erfahrung hier eine mindestens ebenso große Rolle spielt. Ein Beispiel, das für Web 2.0 und eine verbesserte Qualität spricht: Ich merke, wie einfach es heute ist, die „Geschichten” zu entdecken, die hinter bestimmten Management-Modellen, Bildungsfragen oder Experten stecken. Auf diese Weise erschließen sich mir Dinge besser und klarer als früher, als es „nur” den Artikel im Fachmagazin oder im Fachbuch gab. Und ich kann, wenn ich ein Thema präsentiere oder einen Artikel schreibe, schnell auf einen unerschöpflichen Fundus an Informationen und Medien aus erster Hand zurückgreifen. Wie ging das eigentlich vor zehn Jahren? Aber, wie Gabi Reinmann anmerkt, damals haben wir „anders” gearbeitet, aber möglicherweise nicht schlechter oder weniger produktiv.

Frage: Werden die Vorteile der neuen Arbeitsmittel durch negative Seiteneffekte überkompensiert?
Also mehr Nachteile als Vorteile? Wenn ich überlege, kommen mir natürlich auch ein paar Fragezeichen in den Sinn. Alles andere wäre ja auch verwunderlich bei dem Tempo, mit dem das Internet in unseren Alltag und in unsere Routinen eingreift. Aber ich denke da weniger an die neuen Arbeitsmittel und mehr an das „always on”. Die Herausforderung sehe ich im Moment darin, die richtige Balance zwischen den unterschiedlichen Netzwerken zu finden, in denen ich mich bewege. Das Internet erlebe ich momentan als sehr fordernd. Es strömt auf mich in Form neuer, spannender Tools ein; es weckt meine Neugierde, Dinge auszuprobieren; es lädt Menschen ein, mit mir Kontakt aufzunehmen. 24/7. Es nimmt dabei keine Rücksicht auf meine Verfassung, meine Gesundheit, meinen mentalen overload, meine Familie (ja, ja, ich weiß, wo der Abschaltknopf sitzt!). Ich fürchte allerdings, dass es die „richtige” Balance nicht geben wird, sondern nur das Streben danach.

Frage: Wie verläuft der persönliche Lernprozess, sich diese Arbeitspraktiken anzueignen?
Unberechenbar. Da gibt es z.B. etwas wie „Twitter”. Die ersten Hinweise treffen ein, sammeln sich im Newsreader und Newslettern, also folge ich neugierig dem Link. Und wie bei vielen Web 2.0-Tools, habe ich erst einmal ein Fragezeichen. Wer braucht so etwas? Wie kann ich es nutzen? Dann, nach einigen Wochen oder Monaten, die Erfahrungsberichte strömen weiter ein, riskiere ich einen zweiten Blick. Passt es in meine Arbeitsroutinen? Bringt es mich irgendwie weiter? Was machen oder sagen andere in meinem Netzwerk? Und dann mache ich mit und probiere aus. Wenn ich es recht überlege: nur wenige Tools überzeugen mich im ersten Anlauf. Blogs waren so einen Liebe auf den ersten Blick, für Twitter und Tiddlywiki habe ich zwei Anläufe gebraucht, Second Life habe ich links liegen gelassen. „Meine” Tools und Arbeitspraktiken wandeln sich stetig und ich stelle sie regelmäßig auf den Prüfstand. Und ich glaube, dass ist mein Lernprozess, den das Web 2.0 unterstützt.

Popularity: 17% [?]

5 Comments For This Post

  1. Stefan Bornemann Says:

    Guten Morgen Jochen,

    danke für Deinen Beitrag. Ähnlich wie Dir, geht es mir auch wenn ich über Web 2.0 nachdenke. Allerdins bin ich noch nicht soweit, die o.a. Fragen grundsätzlich beantworten zu können. Hierzu empfehle ich auch die Auseinandersetzung mit dem Interview von Prof. Dr. Kruse bei dnadigital, unter folgendem Link:
    http://www.dnadigital.de/networks/blog/post.ulrikerenate:44

    Gruß

  2. Jochen Robes Says:

    Hallo Stefan, danke für Rückmeldung und Link! Und vielleicht kann ich Dich ja doch überreden, die oben genannten Fragen nicht grundsätzlich, sondern einmal kurz und spontan zu beantworten!? Würde mich freuen!
    Gruß, JR

  3. Gralki Says:

    Der Tag ist spät, der Monat endet und gleich endet auch die Frist, noch einen Beitrag in den Blogg zu stellen.

    Ich bin überrascht, welch einen unglaublichen Aufstieg ein überaus fragwürdiges pädagogische Konzept unter dem Namen “E-Learning“ zu verzeichnen hat. Zumal es gar kein richtiges Konzept ist. Angetreten war die Grundidee in der Mitte der neunziger Jahre, um teure Lehrer und Dozenten zu ersetzen und Bildung damit billiger zu machen.

    Peter Glotz hatte außerdem noch ein ökologisches Argument zur Hand: E-learning schütze die Umwelt, da Studenten nun in Zukunft nicht mehr mit U-Bahn oder Auto zur Universität fahren müssten (pro Vorlesung eine Minderung der CO2 Belastung von 0,00000234%).
    Als man – recht spät - einsah, dass es auch künftig nicht ohne Lehrende gehen würde – ersann man einen genialen Trick um jedes pädagogische Verfahren bei dem digitale Verfahren zu Einsatz kamen “blended E- learning“ zu nennen.

    Also: hatte der alte Hochschullehrer sein Vorlesungs-Manuskript auf der geliebten alten Schreibmaschine geschrieben, auf der er auch schon seine Doktorarbeit gebastelt hatte, war es kein “blended learning“. Nutzte er hingegen MS WORD war es “blended learning“.

    Bei all dieser Begeisterung der Macher von E-Learning wurde allerdings immer eines vergessen: on man das Verfahren nun “E-learning“ oder “Blended learning“ nennt, so oder so hatte es nichts mit Lernen zu tun. Die Macher (meist ohne jede pädagogische oder didaktische Professionalität) verwechselten “Informationsaufnahme“ mit “Lernen“. Sie berauschten sich an der Erfahrung, wie schnell man über das Internet den Bundesbahn-Fahrplan auf den Bildschirm zaubern kann, um die Zugverbindung zwischen Berlin und Salzburg zu ermitteln. Genauso müsste es mit einer Einführung in die Betriebswirtschaftlehre doch auch gehen.

    Sie vergaßen dabei völlig, dass Lernen – insbesondere für Prüfungen – immer noch heißt, einen Text durchzuarbeiten, Anmerkungen zu verfassen, mit farbige Markierungen zu versehen, mit anderen darüber zu sprechen, Zusatzliteratur zu lesen….und, und und!

    Die E-Learning Anbieter legen ihren „content“ - welch idiotisches Wort für „Inhalt“- stattdessen beim Lernenden ab und was der damit macht - wie er also lernt - ist ihnen egal.

    Ganz unsensibel sind die E-Learning Macher natürlich nicht und so suchen sie schon nach Möglichkeiten das Lernen zu unterstützen. Mangels Fantasie und Wissen fallen ihnen dazu aber nur zwei Verfahren ein: Visualisierung und Diskutieren.

    Nun wissen wir seit Comenius wie wichtig Bilder im Unterricht sein können – besonders im Kindergarten – aber die Animationen der E-Learning Anbieter sind fast ausschließlich auf einem sehr, sehr niedrigen Niveau.

    Aber hilft nicht Diskutieren beim Lernen?

    Die Erfahrung zeigt dass all diese Web2.0 Elemente nur in einem unglaublich geringen Maße genutzt werden. Das ist ja auch keine Wunder, denn warum sollte man übers Netz diskutieren, wenn man es auch in der Cafeteria kann.

    Mein Abschlussthese lautet also: seit Beginn der E-Learning Blase hat noch kein Student die Hochschule klüger verlassen als ohne E-Learning. Die Frage, wann die Blase platzt können wir hingegen noch nicht beantworten. Heute hängen noch zu viele Stellen daran und Glaube und Begeisterung sind noch zu groß.

    Gruß

    Heinz Gralki

  4. Christian Böhler Says:

    Die Energie, die in der Diskussion um E-Learning und Web 2.0 aufgewendet wird, ließe sich im ökologischen Sinne effizienter nutzen.

    Meines Erachtens ist E-Learning, Blended Learning, Rapid Learning,… und Web 2.0 Lernen im herkömmlichen Sinne nur über andere Medien. Lernen passiert im Gehirn und ist ein neuronaler Prozess, den man meines Erachtens von außen nur eingeschränkt steuern kann. Ein Mensch lernt auf Grund von Informationen, die ihm begegnen. Entscheidet er sich dazu, Informationen nicht zu verarbeiten, werden sich diese nicht nachhaltig im Gedächtnis auswirken. Manchmal ist es die Verpackung, die den Menschen dazu motiviert, Informationen aufnehmen zu wollen. Dies können zum Beispiel neue Medien sein.

    Ich sehe keinen Hype mehr, auch keine Blase. E-learning hat in vielen Bereichen eine Daseinsberechtigung. Ob ich nun das AGG 60.000 Lernern eines Unternehmens in Präsenzseminaren oder in Form eines WBTs vermittle ist ökonomisch nicht unrelevant. Sich über Nachhaltigkeit Gedanken zu machen auch nicht. Meine Erfahrungen lehren aber, dass keiner meiner Kollegen weniger durch E-Learning gelernt hat, als durch Präsenzseminare (diese werden übrigens häufig dazu genutzt, sich einen schönen Tag ohne Arbeit zu machen). Erinnere ich mich an die pädagogischen und didaktischen Konzepte mancher Hochschulprofessoren meiner Studienzeit, muss ich festhalten, dass die meisten WBTs, die mir begegnet sind, weitaus durchdachter waren. Immerhin stehen die neuen Medien immer Lobbyisten gegenüber und werden daher mit mehr Mühe produziert, um die ihnen anhafteten Stigmata entkräften zu können.

    Gruß

    Christian Böhler

  5. Jochen Robes Says:

    Du sprichst einige spannende Themen an, Christian. Über die neuronalen Wege im Gehirn weiß ich zu wenig, aber ich gehe auch davon aus, dass die dort ablaufenden Prozesse stabiler sind als unsere Wortschöpfungen ums Lernen.
    Aber wenn sich auch das Lernen selbst wenig verändern mag, die Rahmenbedingungen, die Prozesse, Angebote und Umgebungen tun es - wenn wir nur wollen.
    Gruß, JR

    PS: Wieso verirren sich eigentlich alle mit ihren Kommentaren auf diese Seite!?

9 Trackbacks For This Post

  1. Ist Wissensarbeit 2.0 traumhaft oder traumatisch? WissensWert Blog Carnival Nr. 1/Feb. 09 – WissensWert Says:

    […] Robes gibt uns im Interview-Stil Antworten auf seinem Blog, dem Weiterbildungsblog, die schon Kommentare mit interessante weiteren […]

  2. Was war Dein/Ihr letztes E-Learning-Erlebnis? – WissensWert Says:

    […] 2. Ein Beitrag zu einer Ausgabe des WissensWert Blog Carnival erscheint üblicherweise in einem öffentlichen Blog. Am besten verwenden Sie im Titel Ihres Posts das Erkennungswort wie folgt: “WissensWert Blog Carnival Nr. 2: … Individueller Titel Ihres Beitrags …”. Gerne dürfen Sie auch die Erkennungsgrafik - wie in diesem Post - einbinden. Beispiel siehe hier. […]

  3. Beiträge zum WissensWert Blog Carnival Nr. 2: Was war Ihr/ Dein letztes E-Learning-Erlebnis? – WissensWert Says:

    […] Heinz Gralki (Home) riskiert zum Abschluss noch eine These: “Seit Beginn der E-Learning Blase hat noch kein Student die Hochschule klüger verlassen als ohne E-Learning.” (Link) […]

  4. Ist die Unternehmensarbeitspraxis ein Kulturschock für die Net Generation? – WissensWert Says:

    […] 2. Ein Beitrag zu einer Ausgabe des WissensWert Blog Carnival erscheint üblicherweise in einem öffentlichen Blog. Am besten verwenden Sie im Titel Ihres Posts das Erkennungswort wie folgt: “WissensWert Blog Carnival Nr. 3: … Individueller Titel Ihres Beitrags …”. Gerne dürfen Sie auch die Erkennungsgrafik - wie in diesem Post - einbinden. Beispiel siehe hier. […]

  5. WissensWert Blog Carnival Nr.2 (März ‘09) | weiterbildungsblog Says:

    […] Heinz Gralki (Home) riskiert zum Abschluss noch eine These: “Seit Beginn der E-Learning Blase hat noch kein Student die Hochschule klüger verlassen als ohne E-Learning.” (Link) […]

  6. Warum twitterst Du eigentlich? – WissensWert Says:

    […] Gerne dürfen Sie auch die Erkennungsgrafik - wie in diesem Post - einbinden. Beispiel siehe hier. 3. Wer keinen Blog betreibt und etwas zum Thema beitragen möchte, kann die Kommentarfunktion […]

  7. Sein Wissen ins Netz stellen … – WissensWert Says:

    […] Gerne dürfen Sie auch die Erkennungsgrafik - wie in diesem Post - einbinden. Beispiel siehe hier. 3. Wer keinen Blog betreibt und etwas zum Thema beitragen möchte, kann die Kommentarfunktion […]

  8. Sein Wissen ins Netz stellen – WissensWert Says:

    […] Gerne dürfen Sie auch die Erkennungsgrafik - wie in diesem Post - einbinden. Beispiel siehe hier. 3. Wer keinen Blog betreibt und etwas zum Thema beitragen möchte, kann die Kommentarfunktion […]

  9. Ausgabe 01: Ist Wissensarbeit 2.0 traumhaft oder traumatisch? (Feb. 09) - WissensWert Says:

    […] Robes gibt uns im Interview-Stil Antworten auf seinem Blog, dem Weiterbildungsblog, die schon Kommentare mit interessante weiteren […]

Leave a Reply

*
To prove that you're not a bot, enter this code
Anti-Spam Image

About me

Jochen RobesJochen Robes (Frankfurt), Berater mit den Schwerpunkten Human Resources/ Corporate Learning, e-Learning, Knowledge Management,
Social Media und MOOCs
XING

Newsletter (wöchentliche Übersicht)

E-mail:   

Subscribe    Unsubscribe

Photos from our Flickr stream

Hochschulforum Digitalisierung Gruppenbild

cMOOC-Runde

gfwm-beiratstreffen-2013

corporatelearningcamp 2013

13:30:41

sportograf-43743811

13:14:02

IMG_1117

See all photos