Gibt es eine “Net Generation”?

Posted on 20 March 2008 by jrobes

Wir hören derzeit viel von der Net Generation, den Digital Natives und Millenials. Da wächst offensichtlich eine Generation heran, die bestens mit dem Internet und anderen Technologien vertraut ist, neue Fähigkeiten und Kompetenzen entwickelt hat und, darauf aufbauend, neue Anforderungen stellt. Vor allem, wenn es um Lernen und Bildung geht.

Grund genug für Rolf Schulmeister, Professor am Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung der Universität Hamburg, einmal hinter die Kulissen dieses Konzepts zu schauen. Ihn treibt der Verdacht, dass es für dieses Bild einer ganzen Generation keine empirischen Grundlagen gibt. Herausgekommen ist dabei eine systematische Auseinandersetzung mit Argumenten und Fakten, über 100 Seiten lang, die Schulmeister “work in progress” genannt und dankenswerterweise online zugänglich gemacht hat.

Zum Inhalt der Streitschrift:

Das erste Kapitel ist selbstverständlich den Propagandisten der Netzgeneration und ihren Thesen gewidmet, also u.a. Don Tapscott, Diana und James Oblinger, vor allem und ausführlich Marc Prensky, aber überraschenderweise nicht Wim Veen (”Homo Zappiens”). Schulmeisters Eindrücke: Es wimmelt hier von “Verallgemeinerungen”, von “zweifelhaften Thesen”, “Unterstellungen”, “ungeprüften Behauptungen”, so dass er schließlich zusammenfasst: “Und dies ist in der Tat der zentrale Einwand gegen alle diese populären Ideen. Es fehlt die Forschung, es werden unbelegte Behauptungen aufgestellt.” (17)

Also – und das macht den überwiegenden Teil seiner Arbeit aus – begibt sich Schulmeister selbst in die “Untiefen” der Empirie, um nachzuweisen, dass “Computer und Internet keineswegs die dominante Freizeitbeschäftigung bilden und dass sich die heutige Generation nicht wesentlich in ihren Einstellungen und Präferenzen von früheren Generationen unterscheidet.” (27) Dieser Nachweis gelingt auf den folgenden 70 Seiten überzeugend. Die vorliegenden, in verschiedenen Ländern gewonnenen Daten zur Mediennutzung liefern keine plausible Grundlage, Jugendliche pauschal als “net generation” zu etikettieren.

Mein Fazit:

1. Schulmeister bietet – vor allem in der Auseinandersetzung mit den empirischen Untersuchungen zur Mediennutzung – Grundlegendes. Er vergleicht Zeitreihen, wertet länderspezifische Daten aus und versucht, technischen Entwicklungen gerecht zu werden (”Was ist die Kategorie Computer? Zur Konvergenz der Medien”). Dabei werden unzählige, interessante und differenzierte Informationen offen gelegt. Auf dieser Grundlage wird deutlich, dass einfache Generationenkonzepte in jedem Fall zu kurz springen.

2. Sollen oder müssen wir vor diesem Hintergrund auf das Bild der “net generation” verzichten? Ich denke nicht. Denn im nicht-akademischen Alltag hat die “net generation” vor allem eine handlungsleitende Funktion. Indem ich ihr Bild vor Trainern oder Personalentwicklern an die Wand werfe, will ich ja fragen: Was wisst ihr eigentlich über eure Mitarbeiter? Welche Medien nutzen sie? Welche Informationen benötigen sie? Welche media literacy besitzen sie? Die “net generation” oder “digital natives” sind der Weckruf, um individuelle Nutzer-Typologien zu entwickeln und wirklich lernerzentriert Rahmenbedingungen für Weiterbildung zu schaffen. Und dafür sind sie (noch) unersetzbar.

3. Eine Beobachtung am Rande: Schulmeister nimmt hier eine einfache Typologie überraschend wörtlich. “Spricht aus meinen Worten Ärger?”, fragt er sich selbst – und man ist versucht zu nicken. Warum eigentlich? Da, wo einzelne Autoren ihren Argumenten einen schein-wissenschaftlichen Anstrich geben, ist Ärger sicher angebracht. Da, wo Dinge journalistisch (und fast möchte ich mit Blick auf Autoren wie Marc Prensky und Jay Cross hinzufügen: amerikanisch) “aufbereitet” werden, erzielt der Wissenschaftler mit seinem Ruf nach Differenzierung und Empirie immer leichte Siege.
Rolf Schulmeister, Hamburg 2008 (pdf)

Weitere Anmerkungen zu “Gibt es eine ‘Net Generation’”?:
- Gabi Reinmann
- Joachim Wedekind
- Michael Kerres
- Andreas Auwärter

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  1. Gibt es eine »Net Generation«? (Version 2) | weiterbildungsblog Says:

    […] Schulmeisters Antwort, erstmals im Januar dieses Jahres veröffentlicht, hat jetzt schon wesentlich zu einem differenzierten Umgang mit der “net […]

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Jochen RobesJochen Robes (Frankfurt), Berater mit den Schwerpunkten Human Resources/ Corporate Learning, e-Learning, Knowledge Management,
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