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Web 2.0: Strategievorschläge zur Stärkung von Bildung und Innovation in Deutschland

Posted on 12 July 2007 by jrobes

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Am Mittwoch hatte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nach Bonn eingeladen. Der Hintergrund: Das BMBF plant eine Fördermaßnahme zum Thema Web 2.0, hatte vor einigen Monaten eine Expertenkommission einberufen, einen entsprechenden Bericht zu entwerfen und wollte diesen jetzt in einem größeren Kreis diskutieren.

Hier kurz die wichtigsten Handlungsempfehlungen der Expertenkommission. Man will:
“- neue Anwendungen für die Wissensgesellschaft initiieren
- Erfolgsfaktoren für den Einsatz von Web 2.0-Anwendungen stärken
- Aktivitäten auf relevante Ziel- und Gesellschaftsgruppen fokussieren”

Etwas konkreter werden anschließend Maßnahmen in drei Bereichen vorgeschlagen:
“- Leuchtturmprojekte fördern, die prinzipielle Erfolgsfaktoren erforschen
und übertragbar pilotieren (Ideenfindung durch Wissenschaft und Wirtschaft)
- Anwendungen initiieren (Ideenwettbewerb, Projektförderung)
- Qualifizierung der Nutzer vorantreiben (Bewusstseinsbildung in der
Wirtschaft, den Bildungsinstitutionen und der Gesellschaft).”

Das waren die Vorgaben. Bei über 40 Teilnehmern und einem Zeitfenster von drei Stunden ging die Diskussion natürlich kreuz und quer. Viele Stichworte, einige wiederkehrende Fragen, z.B.: Wie kann man verhindern, dass - wie in der e-Learning-Vergangenheit häufig geschehen - an der Praxis vorbei Projekte gefördert werden? Wie können Zielgruppen und Nutzer selbst in die Projekte einbezogen werden? Wie können sowohl technische als auch didaktische Aspekte zu ihrem Recht kommen? Vor allem: Wie müssen Programme formuliert werden, damit sie in die Aufgabenteilung von Bund, Ländern und Kommunen passen!

Eine Frage, die sich mir auf der Heimreise stellte: Wie verträgt sich das Thema Web 2.0 überhaupt mit staatlicher Förderung? Wie lassen sich “bottom-up”-Entwicklungen, die oft auf dem Engagement einzelner Verrückter aufbauen, fördern? Wie kommen staatliche Förderung mit ihren eigenen Zeitfenstern und Prozessen sowie Web 2.0-Innovationen zusammen? Es war von daher für mich wenig überraschend, dass die technisch-wirtschaftliche Seite des zukünftigen Förderprogramms (von der Suche nach “Innovationen” bis zu “wettbewerbsfähigen Anwendungen”) kaum angesprochen wurde.

Es bleibt genug zu tun. Denn viele Anwendungsbereiche und Zielgruppen brauchen Starthilfe und Förderung mit öffentlichen Mitteln, um erste Schritte in Richtung Web 2.0 gehen zu können. Da, wo neue Technologien Antworten auf ihre Probleme bieten können! Auch wenn es am Ende womöglich keine “Leuchtturmprojekte” werden.
Bericht der Expertenkommission Bildung mit neuen Medien, 12 März 2007 (pdf, via Jan Schmidt, der auch einen längeren Beitrag zur Veranstaltung geschrieben hat)
[Kategorien: Web 2.0]

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2 Comments For This Post

  1. Helge Staedtler Says:

    Hmm, für meinen Eindruck gingen die Beiträge gar nicht mal so kreuz und quer. Ich fand die Beiträge waren durchaus gemäß der Moderation und angesichts der zahlreichen Teilnehmer recht strukturiert.

    Folgendes Statement kann ich kaum nachvollziehen, Jochen:
    “Es war […] für mich wenig überraschend, dass die technisch-wirtschaftliche Seite des zukünftigen Förderprogramms […] kaum angesprochen wurde.”

    Diese Seite wurde thematisiert, nur ist auch deutlich geworden in dem Meeting, dass wir die Technik schon seit Jahren haben. Leistungsfähige Werkzeuge, Methoden und das gesamte KnowHow, um z.B. Webanwendungen zu bauen haben wir ausreichend verfügbar.

    Die Dynamik im Web wird ja nur teilweise durch Technik getrieben, denn die Technik ist seit Jahren da. Es sind aus meiner Sicht eher die “sozialen Funktionen und Revolutionen” die Web 2.0 ausmachen und nicht die technischen.

    Es ist das Sharing, Remixing/Mashups, Recommender bzw. Collaborative Filterng Systeme, Folksonomies und Tags, Social Softwares wie z.B. Weblogs als “Reputation Engine” und User Generated Content durch Simplicity.

    All dies setzt seit Jahren verfügbare Technologie ein: HTTP-Protokoll, HTML, CSS, JavaScript, Webbrowser, Datenbanken wie mySQL, Webapplikationssprachen wie PHP und Java, usw.

    Was soll man denn da technisch fördern? “Ruby on Rails”, ein neues “Eclipse”, einen neuen “Apache” Webserver, einen neuen “Firefox” Browser, noch ein weiteres “proprietäres Browserplugin”, eine weitere “Podcastersoftware”, noch ein neues “Wordpress”, einen weiteren Anlauf für eine wahren Leuchtturm des Web 2.0, also eine Neuauflage von “Quaero” jetzt als “Quaero 2.0″?

    Ehrlich gesagt hab ich nicht ansatzweise verstanden, wo jetzt die Technologie sich hier bemerkenswert hervortun sollte.

    Wenn es eine große technologische Stellschraube für Web 2.0 gibt, dann wohl die der zugrundeliegenden infrastruktur. Also schnellere Datennetze (z.B. wie in Japan Glasfaser für zu Hause und nicht mehr das veraltete DSL), günstigere Flatrates für Datenverkehr, überhaupt erstmal Daten-Flatrates für mobile Endgeräte (Handys), dann würde der Dienstesektor allein für den mobilen Bereich förmlich explodieren, aber das ist durch die UMTS-Milliarden leider verbaut worden. Gut wären auch kürzere Abschreibungsmöglichkeiten bei der Steuer für Rechnertechnologie (dazu zähle ich jetzt auch explizit das Handy). Das alles würde das Web weiter in die Breite bringen.

    Aber das eigentliche Rätsel von Web 2.0 liegt meiner Ansicht nach in den sozialen und sozialpsychologischen Faktoren. So gerne ich als Techniker das problem lieber technisch lösen würde, hier wird das meiner Ansicht nach nicht funktionieren.

    Aus meiner Sicht benötigt man Forschung, die aufdeckt, welche sozialen Motivationen und Strukturen das Web 2.0 antreiben. Warum betätigen sich Menschen als Wikipedia-Autoren, warum interessieren sich plötzlich Leute für ein sonst stinklangweiliges Lexikon? Nur weil es online ist? Warum teilen sich die Menschen im Web mit einem Profil mit? Warum bloggt ein Jochen Robes über BMBF-Förderungen? Was treibt ihn an? Was verspricht er sich davon? Warum lesen das auch noch viele andere Blogbesucher?

    Die Klärung dieser Fragen wären die beste Wirtschaftsfördermaßnahme, die man sich nur vorstellen kann. Denn damit würden aus meiner Sicht langfristig wirkende soziale und sozialpsychologische Faktoren identifiziert, die für alle nachkommenden Anwendungen relevant sind, ob sie nun in der Wirtschaft oder sonstwo entstehen.

    Forschung im Bereich “Social Innovation” ist aus meiner Sicht gefragt, denn von den Ergebnissen dürften alle Web 2.0 Businesses profitieren. Die Technik hingegen ist da. Es braucht keine “Rocket Science”, um ein erfolgreiches Web 2.0 Business zu etablieren. Es braucht hingegen eine sozialpsychologisch hochoptimierte “Gruschel”-Funktion, dann ist der Rest fast schon Nebensache.

    Die Techniker glauben immer, das man alle Probleme “nur mit der richtigen” Technik lösen kann, das ist normal, das kennt man von denen nicht anders. “If the only thing you have is a hammer, everything looks like a nail.”

    In dem Moment, wo die Ingenieure sich zumindest mal ein ganz kleines Eckchen auf den Menschen zubewegen würden, würde es ihnen wie Schuppen von den Augen fallen, das der Schlüssel zum Erfolg nicht in noch einem tollen XML-Spezialprotokoll oder noch einem nutzlosen Metadatenstandard liegt. Sie würden merken, das sie im Web 2.0 gezwungen sind Software für “normale Menschen” und nicht für Ingenieure zu entwickeln. Und da fängt ein Problem in Deutschland genau an. Für normale Menschen zu entwickeln so tief lässt sich ein Ingenieur kaum herab, aus falschen Berührungsängsten heraus.

    Eine Förderung der Ingenieure, um soziales Verstehen und Hineindenken in normale Menschen zu etablieren, würde sich hier eventuell als Förderprojekt anbieten. Die wahren Goldschätze sind meiner Ansicht nach aber an der Grenzen zwischen Technik und Sozialpsychologie zu finden.

    Meine 2 Ideen zu diesem Thema.

  2. Jochen Robes Says:

    Danke für Deine ausführliche Rückmeldung, Helge!! Und ich merke auch, dass meine Zusammenfassung mit Blick auf die “wirtschaftlich-technische Seite” stark verkürzt war. Geht auf meine Kappe!

    Du schreibst: “Aus meiner Sicht benötigt man Forschung, die aufdeckt, welche sozialen Motivationen und Strukturen das Web 2.0 antreiben.” Dem kann ich nur zustimmen, aber dann sollte man das Förderprogramm doch darauf konzentrieren. Und diese Aufgabe ist im Hochschulbereich wahrscheinlich gut aufgehoben, und die Wirtschaft wäre dann ein Anwendungsfeld, neben anderen.

    Und parallel bzw. getrennt davon initiert man einen “Ideenwettbewerb” für Innovatoren, Jung-Unternehmer und alle, die eine web 2.0-gestützte Idee auf die Beine stellen wollen.

    Es ist dieser zweite Punkt, den ich zwar im Bericht zu lesen glaube, der aber in der Diskussion keine große Rolle spielte. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die Träger der von Dir angesprochenen Forschungsfragen gut, Vertreter der “Wirtschaft” weniger gut vertreten waren. Wobei, und jetzt komme ich zum Punkt meines Beitrags zurück, ich derzeit keine Idee habe, wie man diese im Rahmen eines Web 2.0-Förderprogramms anspricht.
    Gruß, JR

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Jochen RobesJochen Robes (Frankfurt), Berater mit den Schwerpunkten Human Resources/ Corporate Learning, e-Learning, Knowledge Management,
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