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Nur „Forschung danach“? Vom faktischen und potentiellen Beitrag der Forschung zu alltagstauglichen Innovationen beim E-Learning

Posted on 22 September 2006 by jrobes

Ich weiß gar nicht, ob ich diesem Report mit einer kurzen Notiz gerecht werden kann. Gabi Reinmann stellt hier einige grundlegende Fragen an den Anfang ihrer Überlegungen: Welche Rolle spielt Forschung heute überhaupt, wenn es um e-Learning als alltagstaugliche Innovation geht? Wie steht es um die gesellschaftliche Verantwortung der Forschung für die Bildungspraxis?

Was sie beunruhigt, ist die derzeit einseitige Ausrichtung der scientific community auf empirische Forschung und damit ein naturwissenschaftliches Ideal. Was vielleicht noch nachzuvollziehen wäre, wenn die quantitativ ausgerichtete Lehr- und Lernforschung bis heute zu nachweisbaren Innovationen geführt hätte. Dem widerspricht aber eine seit Jahrzehnten beklagte Innovationskrise. Die Gründe für diese einseitige Ausrichtung sieht sie vor allem im Wertesystem der scientific community selbst.

Vor diesem Hintergrund plädiert Gabi Reinmann dafür, einer Lehr-, Lern- und Bildungsforschung eine Chance zu geben, die sich am Modell der Ingenieurswissenschaften orientiert. Denn hier fühlt man sich, und jetzt verkürze ich etwas, auch dem praktischen Nutzen seines Handelns verpflichtet. “Solange wir aber nur ‘Forschung danach’ betreiben, solange also primär derjenige die wissenschaftlichen Lorbeeren erhält, der etwas empirisch überprüft, aber nicht der, der das, was überprüft wird, entwickelt hat, sind wir von dieser erforderlichen Wertschätzung weit entfernt. Dieses Argument ist gerade für E-Learning von besonderer Bedeutung, weil nur konkrete Beispiele von Bildungstechnologien und Lehr-Lernszenarien den Anstoß für Bildungsinnovationen geben können.”
Gabi Reinmann, Arbeitsbericht Nr. 14, Universität Augsburg, Medienpädagogik, September 2006 (pdf)

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3 Comments For This Post

  1. Norman Ehlert Says:

    Wünschenswert wäre eine größere Zusammenarbeit zwischen denen, die etwas entwickeln und denen die das dann empirisch überprüfen. Zu beachten ist jedoch, dass die Überprüfung keinen Einfluss auf das Ergebnis hat, wie es zum Beispiel bei Doppel-Blind-Versuchen (der Untersuchungsleiter weiß nicht, was getestet wird und wer in welcher Untersuchungsgruppe ist) realisiert wird.

  2. Helge Städtler Says:

    Herr Ehlert,

    was passiert denn, wenn dann die, die etwas entwickeln mit denen die das dann empirisch überprüfen “zusammenarbeiten”?

    Die die das Paper mit der empirischen Prüfung schreiben sind die Helden, die die keine Zeit für Paper haben wegen der zeitintensiven Entwicklung sind die Doofen.

    Ich find den Vorschlag nicht gerade attraktiv als Entwickler. Wer kein Paper schreibt und vorerst die Qualifizierung mit Dr.-Arbeit zurückstellt (so geschehen bei mir!) der wird nicht wahrgenommen. So einfach ist das. Wer also ETWAS NEUES entwickelt statt ÜBER EIN NEUES ETWAS zu schreiben ist der Doofe. Die anderen schreiben dann drüber (”Forschung danach”) oder verreissen einen sogar schon während der Entwicklung (”Forschung über das Unfertige”).

    Entwicklung lohnt sich vielleicht aus volkswirtschaftlicher Sicht, denn Stillstand und vor allem Innovationsstillstand bringt unserem Land nichts als Nachteile. Neuentwicklungen hingegen sichern Arbeitsplätze und in der Bildung (wenn man an Bildungsinnovationen denkt, die nur unsere Unis anbieten können) sogar langfristige Standortvorteile.

    Aus der Einzelsicht jedoch ist Entwicklung das größte finanzielle Verlustgeschäft, das ich persönlich mir vorstellen kann. Ich kann niemandem dazu raten im Educational Bereich an der Uni Entwicklung zu betreiben, es sei denn derjenige ist gewillt zwei Jahre finanzielle Einnahmen komplett abzuschreiben und sein Karriererisiko zu maximieren. Die zwei Jahre Entwicklung bei mir hattan zwar ein beachtliches Ergebnis (siehe http://www.everlearn.info) verschärften zugleich aber dramatisch die Möglichkeiten der Weiterbeschäftigung, denn bislang galt auch noch zu allem Überfluss die Regelung, nach 5 Jahren ist Schluß mit Beschäftigung an der Uni, dann muss die Dr.-Arbeit schon fix und fertig sein. Noch ein Risiko mehr im Aus zu landen. Einziger wirklicher “Exit” wäre ein Spinoff bzw. Firmengründung, wenn die Entwicklung marktfähiges Potenzial hat. Die Bedingungen dafür muss man selbst schaffen und das ist ebenfalls nicht ohne ein schönes Risiko und harte Zusatzarbeit zu haben. Und selbst wenn das klappt bedeutet es widerum auch den “Exit” aus der wissenschaftlichen Karrierespur. Entwicklung führt somit entweder zum vorprogrammierten BrainDrain mit Firmengründung (ob erfolgreich oder nicht sei erstmal dahingestellt!) oder zum vorprogrammierten BrainDrain ohne Firmengründung aber mit Arbeitslosigkeit.

    Für mich liegt das Problem im Risiko, das hier ausschließlich der Entwickler trägt. Dann lieber in einen Job in der IT Industrie gehen und dort Entwicklungen machen, deren Risikoeinsatz auch entsprechend goutiert wird und einem nicht noch Nachteile ohne Ende einhandelt.

    Meine bescheidene Ansicht zum Thema.

    Gabi Reinmann spricht mir mit ihrem Vortrag aus der Seele. Ich bin gespannt, was das noch für ein Echo erzeugt.

    Mein Vorschlag wäre: Promotion mit einer Entwicklung zu ermöglichen bzw. “Forschung dabei!”. Sprich meine Entwicklung ist meine Dr.-Arbeit. Das hätte auch den Vorteil, dass ich jetzt vermutlich schon mehr als nur promoviert wäre und nicht noch 2 riskante Jahre extra investieren muß für “Forschung danach!”.

  3. Helge Städtler Says:

    Noch ein kurzer Nachtrag:
    Nicht durch Zufall, findet meine jetzige Promotion an einem Fachbereich statt, der den Qualifikationsabschluss “Dr.-Ing.” ermöglicht. Konkret: “Mathematik/Informatik” und nicht etwa “Bildungs- und Erziehungswissenschaften”. Mir scheint, die Indizien die aus meiner Entscheidung für diese Art der Promotion sprechen, geben Gabi Reinmann mehr als Recht, wenn diese fordert, dass Ingenieursleistungen in der Wissenschaft (hier Software Engineering) z.B. für eine Promotion als echte Leistung anerkannt werden.

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Jochen RobesJochen Robes (Frankfurt), Berater mit den Schwerpunkten Human Resources/ Corporate Learning, e-Learning, Knowledge Management,
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