Hallo Herr Kerres,

vielleicht diskutieren wir es ja auch persönlich einmal. Mir kommt in Ihrem Aufsatz einiges zu kurz und ich will es hier nur mit Stichworten umreißen.

– Information, Vermittlung, Entwicklung, Debatte und Prüfung sind trotz erheblicher Schnittmengen Teilbereiche des Lernens, die ihre Eigenheiten haben und didaktisch zu einem Ganzen integriert werden müssen. dazu müpssen sie aber in ihren funktionen und Inhalten erst einmal getrennt sein. Das kommt mir bei Ihnen hier zu kurz. Es wäre schön die tollen Funktionen auch hier mal zuzuordnen. Vielleicht hilft das 3-2-1-Modell.

– Die Möglichkeiten, einfach (wobei ich dieses noch ein wenig bezweifle. Sie haben schließlich auch Wochen gebraucht) alles mögliche zu integrieren ist noch keine Errungenschaft. Wir sollten dabei aufpassen, dass die Recherche nicht in einer Materialschlacht endet.

– Eine wichtige Funktion des Lehrenden ist die Eingrenzung und begründete oder begründbare Vorauswahl. Die brauchen wir gerade heute ganz deutlich. Wenn zwanzig Stundenten sich damit überschlagen, sich gegenseitig mitzuteilen: „Ich habe hier noch etwas beim googeln gefunden. Schaut mal alle her“. Ja, dann ist noch nichts gewonnen, wenn man das nur erleichert per RSS.

– Die viel herbeigeredete Offenheit und Öffentlichkeit von social software ist manches mal eine Chance, zugleich für den Lernprozess auch ein Problem. Schon heute trauen sich viele Lernende in der Runde von 30 Personen nicht den Mund auf zu machen und sich engagigert, vielleicht auch gegen den Mainstream zu artikulieren. Ich sehe nicht, dass dies auf einmal anders sein soll, weil software social ist. Die Mechanismen der Sozialpsychologie werden ja nicht außer Kraft gesetzt. Die Phasen der Entwicklung von Gruppen zur Arbeitsfähigkeit z.B. hängen stark von deren Abgeschlossenheit und Kontinuität ab.

– Social software alleine macht keine Community. Es braucht dazu Protagonisten, die bewusst den Prozess gestalten und darein Zeit und Engagement investieren. Ist die Bereitschaft dazu gegeben?

– Wie viele Communities verträgt der Mensch als aktives Mitglied eigentlich? Pro Lehrveranstaltung eine? Oder gleich mehrere (Kleingruppe, Plenumsgruppe)? Welcher Verschleiß wenn diese Gruppen sich nach vier Monaten gleich wieder auflösen. Oder ist die Community die Summe der Fachstudenten? Und wie passt das mit dem BA/MA-Studienkonzepten zusammen?
Oder ist die Community, die da geschaffen wird gleich die Wissenschaftscommunity des Faches? Ich habe keine Zweifel, dass dies für die Mitglieder des Medienlaboratoriums (Prof, Doks, WissMa, StudHiwis, Praktikanten, etc.) klappt. Aber mit den Studenten? Ich habe meine Zweifel, ob hier die Latte nicht zu hoch gelegt wird?

Lassen Sie uns doch gemeinsam kleinere Brötchen backen und verkaufen. Da finden sich mehr ‚Käufer‘. Die handgeformten Sonntagsbrötchen heben wir uns dann für die Festtafel auf.

Für das produktive Streitgespräch bin ich gerne zu haben.