What’s in it for me? Über den Nutzen von Weblogs für Wissensarbeiter

Posted on 28 October 2005 by jrobes

Vor einigen Wochen habe ich diesen Artikel geschrieben, der jetzt in der aktuellen Ausgabe der IM - Information Management & Consulting erschienen ist. Er baut u.a. auf Arbeiten von Jim McGee, Martin Röll und Lilia Efimova auf und ist im ersten Teil eine Beschreibung von Weblogs als “personal knowledge management tools” und im letzten Teil ein kurzer, persönlicher Erfahrungsbericht.

Im Vorspann zum Artikel heißt es:
“Weblogs sind mehr als nur private Online-Journale oder journalistische Gegenentwürfe. Sie können Knowledge Workern (Peter F. Drucker) in wissensbasierten Arbeitsprozessen neue Möglichkeiten eröffnen, ihre Arbeit zu organisieren und ihre Produktivität zu verbessern, zu publizieren, zu kommunizieren und sich als Fachexperte auf ihrem Gebiet zu positionieren.”

Enjoy the read!

Jochen Robes: What’s in it for me? Über den Nutzen von Weblogs für Wissensarbeiter. IM - Information Management & Consulting, Heft 3/ 2005 (pdf)
[Kategorien: Weblogs, Knowledge Management, Knowledge Worker Productivity]

PS: Die aktuelle IM enthält übrigens weitere Artikel zu den Themen Weblogs und Podcasting. Im Anschluss (”Continue reading”) gibt es die HTML-Version des Artikels.


What’s in it for me? Über den Nutzen von Weblogs für Wissensarbeiter

Seit Anfang 2002 haben sich Weblogs (kurz: „Blogs“) ihren Platz im Internet und in der öffentlichen Kommunikation erobert. 11,6 Millionen Seiten erfasst der Weblog-Suchdienst Technorati derzeit. Über 60.000 Weblogs verzeichnet der deutsche Dienst Blogstats. Ihre Popularität wächst stetig, und so ist es nicht verwunderlich, dass bis heute über ihre Rolle in der Öffentlichkeit und ihr Potenzial gestritten wird.

Verschiedene Sichtweisen stehen zur Diskussion:
- Weblogs als vorwiegend private Journale, die über die persönlichen Befindlichkeiten und Aktivitäten ihrer Autoren Auskunft geben;
- Weblogs als neue journalistische Ausdrucksformen, die eine Kontrollfunktion gegenüber etablierten Medien ausüben;
- Weblogs als Marketing- und Kommunikationsinstrumente, die es Unternehmen ermöglichen, in neue Beziehungen zu ihren Kunden und Mitarbeitern zu treten;
- und Weblogs als neue Lernmedien, durch die Menschen sich selbst organisiert mit einem Thema auseinandersetzen und diese Auseinandersetzung für sich und andere transparent machen.

Der folgende Beitrag will diesem Spektrum eine weitere Perspektive hinzufügen und Weblogs als Publikationsinstrumente beschreiben, die Knowledge Workern in wissensbasierten Arbeitsprozessen neue Möglichkeiten eröffnen,
- ihre Arbeit zu organisieren,
- zu publizieren,
- zu kommunizieren und
- sich als Fachexperte zu positionieren.

Den letzten Punkt wird der Autor, der seit April 2003 selbst Betreiber eines Weblogs ist, vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen schildern.

1. Personal Knowledge Management: Weblogs als Unterstützung von Wissensarbeit

Thomas Burg, Direktor des Zentrums für Neue Medien an der Donau-Universität Krems, antwortete auf die Frage, was ihn denn treibe, ein Weblog als tägliches Journal zu führen: „Um ein Tagebuch geht es mir überhaupt nicht. Als ich damals, im März 2002, mein erstes Weblog eingerichtet habe, suchte ich für mich einfach nach einer Möglichkeit, Quellen und Ressourcen, die ich im Internet gefunden hatte, in einer Art annotierten Bibliografie abzulegen und für mich von überall her zugänglich zu machen. Dafür hat sich die Blogsoftware extrem gut geeignet. Ich schreibe sozusagen mir selbst Notizzettel, allerdings öffentlich und für jedermann zugänglich.“ [1]

1.1 Über die Schwierigkeiten im Umgang mit Knowledge Work

Man tut Thomas Burg sicher nicht Unrecht, wenn man ihn als Knowledge Worker bezeichnet, und sein Weblog als Versuch, seine Produktivität als Knowledge Worker zu verbessern. Zwar ist der Begriff des Knowledge Workers schon seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt. Doch erst Peter F. Drucker hat ihn zum tragenden Konzept gemacht, um den gesellschaftlichen Wandel und seine Auswirkungen auf Individuen, Unternehmen und ihr Management zu beschreiben [2].

Peter F. Drucker hat auch darauf hingewiesen, dass die Verbesserung der Produktivität von Wissensarbeitern eine der zentralen Herausforderungen ist, vor der Unternehmen am Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft stehen [3]. Tom Davenport, Direktor des Accenture Institute for Strategic Change, hat diesen Punkt in folgende Worte gefasst: „When it comes to knowledge workers, we pretty much hire smart people and leave them alone. No quality measurements, no Six Sigma, no reengineering. We haven’t formally examined the flow of work, we have no benchmarks, and there is no accountability for the cost and time these activities consume. As a result, we have little sense of whether they could do better.” [4]

Kurz, wir wissen wenig über Wissensarbeit. Es sind vor allem zwei Probleme, die den einfachen Zugang zur Produktivität von Wissensarbeitern häufig verschließen:

Der organisationale Blick auf Knowledge Work
Frühe Versuche, Knowledge Management in Organisationen einzuführen, haben sich vor allem mit der Frage beschäftigt, wie das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter identifiziert, erfasst und anderen zugänglich gemacht werden kann. Entsprechende Wissensmanagement-Systeme wurden entwickelt, um Wissen in Datenbanken zu speichern und zu kategorisieren. Yellow Pages sollten einen Überblick über das KnowHow des Unternehmens erleichtern. So wurde aus Knowledge Management an vielen Orten Information Management. Denn was in Datenbank-Anwendungen gespeichert wurde, waren Informationen, die - losgelöst von ihren Trägern und dem Kontext ihrer Entstehung - auf die Interpretation von Wissensarbeitern warteten. Aber die ließen sich nur zögerlich auf die neuen Angebote ein.

Hinzu kommt, dass die Umwandlung von implizitem in explizites Wissen aus organisationaler Sicht zwar ein legitimer und nachvollziehbarer Wunsch ist, doch in der Regel nicht auf die spezifischen Bedürfnisse von Wissensarbeitern eingeht: „The fatal flaw in thinking in terms of knowledge management is in adopting the perspective of the organization as the relevant beneficiary. Discussions of knowledge management start from the premise that the organization is not realizing full value from the knowledge of its employees. While likely true, this fails to address the much more important question from a knowledge worker’s perspective of ‘what’s in it for me?’” [5] Weil die Antwort auf diese Frage häufig fehlt, müssen wiederum Anreizsysteme diskutiert werden, um die Mitarbeiter zur Teilnahme und Weitergabe ihres Wissens zu bewegen.

Die Unsichtbarkeit von Knowledge Work
Den Zugang zur Produktivität von Wissensarbeitern erschwert auch die Tatsache, dass Wissensarbeit als Prozess weitestgehend unsichtbar ist. Was wir in der Regel sehen, sind die Produkte von Wissensarbeit: Entscheidungen, Präsentationen, Reports, Designs. Die Arbeit davor, das Suchen von Informationen, das Organisieren und Interpretieren, den Austausch mit anderen, das Entwickeln neuer Ideen, bleibt die persönliche Expertise und Erfahrung jedes einzelnen Wissensarbeiters. Peter Baumgartner, Professor für Bildungstechnologie an der FernUniversität Hagen, weist auf diesen Punkt hin: „Aus meiner Perspektive besteht das Problem in der (falschen) Ansicht, dass Wissen einfach nur als ein Produkt gesehen wird, das jemand besitzen oder nicht besitzen kann. Die Folge dieser Misskonzeption ist, dass der Prozess des Erwerbs von Wissen und auch die Transformation von Wissen in Fähigkeiten und Kompetenzen nicht unterstützt wird.“ [6]

Zur Schwierigkeit, wissensbasierte Arbeitsprozesse zu beschreiben oder gar zu messen, trägt auch bei, was als „Interrelatedness of Knowledge Work Processes and Social Context“ [7] bezeichnet werden kann. Die einzelnen Schritte von Knowledge Work hängen unmittelbar zusammen und können nur analytisch, nicht praktisch voneinander getrennt werden. Das Finden und Interpretieren einer Information kann zu einer erneuten Suche nach weiteren Informationen führen. Eine Unterhaltung mit einem Kollegen kann gleichzeitig den Hinweis auf einen Artikel in einer aktuellen Fachzeitschrift, eine neue Idee für die eigene Präsentation bringen und darüber hinaus das Netzwerk persönlicher Beziehungen pflegen.

Die Attraktivität von Weblogs, so die These, rührt daher, dass sie von vielen als Antworten auf diese Schwierigkeiten gesehen werden. Weblogs unterstützen die Arbeits- und Kommunikationsprozesse von Knowledge Workern, sie können von diesen nach eigenen Bedürfnissen eingesetzt und gestaltet werden, und sie liefern nicht zuletzt Rückschlüsse auf die Prozesse der Wissensarbeit selbst.

1.2 Weblogs als „personal knowledge management tools“

Weblogs werden vor allem genutzt, um Ideen aufzugreifen, zu kommentieren und zu verlinken. So entsteht die blogtypische, chronologisch geordnete Liste von Einträgen. Suchfunktionen und das einfache Anlegen von Kategorien, denen Einträge zugeordnet werden können, gehören zu den Standardfunktionen der Weblog-Software. Sie erlauben das Organisieren, Archivieren und Wiederauffinden von Informationen nach individuellen Bedürfnissen.

1.3 Weblogs als „knowledge/ learning journals“

Weblogs machen die Entwicklung ihrer Autoren, ihre Arbeitsweise und Lernprozesse transparent. Insofern wird Knowledge Work in Teilen wieder sichtbar. Weblogs mit regelmäßig gepflegten Einträgen können den Konstruktionsprozess von Wissen und damit die Arbeits- und Lernkarrieren ihrer Autoren nachvollziehbar machen. Für die Autoren von Weblogs entsteht wiederum ein Arbeitsjournal und Lerntagebuch, das sie als Referenz ihrer Kompetenzen wie auch als Instrument zur Selbstreflexion einsetzen können.

1.4 Weblogs als “information resources”

Betrachtet man Weblogs aus der Perspektive ihrer Nutzer, rücken die Aspekte der Informationsrecherche und Lokalisierung von Experten in den Vordergrund. Für viele Nutzer eröffnen Weblogs heute bereits einen unverzichtbaren Zugang zu aktuellen und peer-geprüften Informationen und stellen eine wertvolle Erweiterung traditioneller Ressourcen dar. Weblogs bieten zwei Vorteile: Wie traditionelle Medien sind sie Informationsfilter. Weblog-Autoren fungieren als Gatekeeper, die aus der Fülle von Informationen nach persönlichen, aber transparenten Vorlieben selektieren. Über traditionelle Medien hinaus können Weblogs jedoch einen Kontext herstellen, der auch gegensätzliche Meinungen und Diskussionen unmittelbar einbezieht und direkt auf diese verlinkt.

Hinzu kommt: Die meisten Weblogs bieten ihre Inhalte nicht nur als HTML-Seiten an, sondern verschlüsseln ihre Inhalte in einem XML-basierten Format, bekannt als RSS (Rich Site Summary oder Really Simple Syndication). RSS hält nur den Inhalt einer Seite bereit, beinhaltet aber keinerlei Layouts. Sog. Feed- oder Newsreader wiederum können dieses Format lesen, die wichtigsten Schlagzeilen und Kurzbeschreibungen automatisch herunterladen und die so gesammelten Nachrichten geordnet anzeigen. Der Newsreader benötigt dazu lediglich einen Link auf den entsprechenden RSS-Feed. Nutzer müssen so die sie interessierenden Weblogs (aber auch alle anderen Seiten, die diesen Dienst unterstützen) nicht mehr einzeln aufrufen, sondern können stattdessen alle Nachrichten zentral abrufen, sortieren und archivieren und so den Überblick über eine große Zahl von Weblogs behalten.

2. Personal Publishing: Weblogs als Publikationsinstrumente

Weblogs sind Instrumente, die das schnelle und bequeme Publizieren von Inhalten im Internet erlauben:
- Sie basieren auf einfachen Content Management Systemen, die Interessierten eine Reihe von Schablonen und Templates zur Verfügung stellen. Das ermöglicht auch technisch Unerfahrenen das Publizieren in einem professionellen oder semi-professionellen Layout.
- Auch das Einrichten und Betreiben von Weblogs selbst (sog. „Hosting Services“) werden von vielen Anbietern kostenfrei oder gegen geringe Beträge angeboten.
- Die Weblog-Software ermöglicht Weblog-Autoren, flexibel von jedem Ort aus neue Inhalte einzustellen oder bestehende Inhalte zu verändern.

Weblogs sind technisch betrachtet keine Innovation. Doch mit ihnen stehen die Produktionsmittel, um im Netz zu publizieren, jedem zur Verfügung. Was noch vor einigen Jahren das Vorrecht derer war, die zumindest Kenntnisse im Umgang mit HTML-Editoren hatten, steht jetzt allen Interessierten offen.

2.1 Weblogs als Plattformen für Microcontent

Die Inhalte („Postings“) von Weblogs sind in der Regel kurz und umfassen häufig nicht mehr als eine Idee, einen Kommentar oder den Verweis auf eine andere Internet-Quelle. Sie werden deshalb auch als Microcontent bezeichnet. Als kleine Wissensbausteine unterstützen sie offene Diskussionsprozesse unter gleichberechtigten Akteuren. Durch eine jeweils eigene, unveränderliche Adresse („Permalink“) können sie direkt angesteuert und kommentiert werden.

Die Bedeutung dieser Form des Diskurses kann gar nicht überschätzt werden: Das Fachbuch sowie der Fachartikel sind nicht für den spontanen Dialog und Informationsaustausch geschrieben. Der oder die Autoren präsentieren in der Regel Ansammlungen von Ideen und Gedanken, die rezipiert werden, den Rezipienten aber keine Möglichkeiten der Rückmeldung geben. Spätestens bei der Rezension endet die öffentliche Fachkommunikation. Weblogs dagegen bestehen aus kurzen Ideen und „halbfertigen“ Gedanken, und viele Autoren laden ihre Leser explizit ein, an der Fertigstellung dieses Rohmaterials durch ihr Feedback mitzuwirken.

2.2 Weblogs als individuelle und authentische Ressourcen

Weblogs „leben“ wesentlich von der Individualität und Glaubwürdigkeit ihrer Autoren und der Authentizität ihrer Beiträge. Dazu gehört, dass sich die meisten Weblog-Autoren mit Foto, Lebenslauf und Impressum auf ihrer Seite vorstellen. An die Stelle der ausgewogenen Meinung einer Redaktion tritt hier das persönliche Statement des Weblog-Autoren.

Diese Beobachtung hat bis heute zu unterschiedlichen Reaktionen geführt: Microsoft hat z.B. mit Robert Scoble einen Weblog-Autoren eingestellt, ihm den Titel „Technical Evangelist“ verliehen und lässt ihn weiter über seine Lieblingsthemen schreiben - über technische Entwicklungen sowie Microsoft und seine Produkte. „On a recent day he [Robert Scoble; Anmerkung des Autors] posted nine remarks, each averaging a paragraph, on topics ranging from how a company programmer had fixed a security bug to the fact that his wife is becoming a U.S. citizen. Nothing too profound or insightful, yet Scobleizer has given the Microsoft monolith something it has long lacked: an approachable human face.” [8]

Andere weisen wiederum darauf hin, dass sich alle Bestrebungen, Weblogs organisatorisch einzubetten, mit diesen Attributen des Bloggens auseinandersetzen müssen. Stephen Downes, Senior Researcher am National Research Council Canada, fragt: „What happens when a free-flowing medium such as blogging interacts with the more restrictive domains of the educational system?“ [9] Denn an Beispielen, bei denen die Interessen von Weblog-Autoren und die der sie tragenden Organisationen (z.B. einer Schule oder Hochschule) kollidierten, fehlt es nicht.

3. Networking: Netzwerke aufbauen durch Weblogs

Weblog-Autoren schreiben in der Öffentlichkeit. Sie zielen damit auf Feedback und den Austausch mit anderen. Sie schreiben zudem häufig über Artikel und Publikationen, die im Internet zugänglich sind, verlinken auf diese und stellen so einen direkten Diskussionszusammenhang her. Die Weblog-Software unterstützt sie dabei mit einer Reihe von Funktionen.

3.1 Weblogs als Kommunikationstools

Weblogs sind im Kern Kollaborationswerkzeuge. Entstanden als Open Source-Applikationen und offen für individuelle technische Erweiterungen und Anpassungen sind sie Teil einer Community, die die Entwicklung „ihrer“ Werkzeuge sowie deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit aufmerksam diskutiert. Heute sind die „Kinderkrankheiten“ vieler Tools weitestgehend behoben, verschiedene Business Modelle für individuelle wie Geschäftskunden stehen zur Verfügung, so dass Weblog-Autoren sich ganz ihren Themen und Zielen widmen können. Geblieben sind die Möglichkeiten, sich über Weblog-Funktionen und RSS miteinander zu vernetzen.

Kommentare
Weblog-Autoren veröffentlichen in der Regel keine abgeschlossenen Beiträge, sondern präsentieren Ideen, Gedanken und erste Skizzen. Leser wiederum können diese Skizzen weiterentwickeln und die Autoren mit Anregungen oder Hinweisen auf weiterführende Literatur unterstützen. Dazu bietet jeder Beitrag die Möglichkeit, ihn direkt zu kommentieren. Auf diese Weise können sich Kommunikationsstränge entwickeln, die bis zu dem reichen, was als „distributed weblog conversations“ [10] bezeichnet werden kann: Die Leser eines Blog-Eintrags kommentieren nicht direkt, sondern nehmen ein Thema oder Stichwort in ihren eigenen Weblogs auf.

TrackBack
Die meisten Weblog-Applikationen unterstützen das wechselseitige Verlinken von Beiträgen: So macht die TrackBack-Funktion einen Weblog-Autor (A) darauf aufmerksam, dass ein anderer Autor (B) auf ihn verlinkt. Dabei muss der Weblog-Autor (B) selbst nicht weiter aktiv werden. Er schreibt seinen Beitrag, und indem er sich dabei auf den Eintrag eines anderen Weblogs (A) bezieht und dessen URL festhält, erstellt seine Weblog-Software automatisch eine Nachricht und schickt sie an den Autoren (A). So kann in kurzer Zeit ein vielfältiger Diskussionszusammenhang entstehen.

Blogroll
Weniger eine technische Funktion, sondern vielmehr Teil des Erscheinungsbildes von Weblogs sind die Referenzen auf andere Weblogs, die einen Autor interessieren und die letztlich ein wechselseitiges Referenzsystem, die „Blogging-Community“, ausmachen („Blogroll“). Ein schöner Nebeneffekt ist die Tatsache, dass das System der wechselseitigen Referenz unter Weblogs ihren PageRank bei Google steigert.

Weblogs können darüber hinaus der Startpunkt für weitere Kontaktschritte sein, die über das Weblog hinausreichen, wie z.B. E-Mails, Instant Messaging oder persönliche Treffen. Gerade in Deutschland ziehen es viele Weblog-Leser vor, Beiträge via E-Mail zu kommentieren, um sich in ihren Aussagen nicht durch das Unternehmen, für das sie beschäftigt sind, oder fachliche Hürden einschränken zu lassen. Auf die Schattenseite der vielfältigen Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten sei an dieser Stelle auch kurz hingewiesen: So haben die Spam-Angriffe der letzten Jahre viele Weblog-Autoren gezwungen, eine Reihe dieser Funktionen nicht mehr anzubieten.

3.2. Weblogs und Social Software

Es ist erst wenige Jahre her, dass diskutiert wurde, das Internet würde seine Nutzer isolieren. Je mehr Zeit die Menschen mit dem Internet verbringen, um so weniger Zeit bleibe für ihre sozialen Kontakte mit Freunden, der Familie oder in der Community, so die Stanford-Autoren Norman Nie und Lutz Erbing [11].

Diese These hat sich nicht bewahrheitet. Aus einer Dichotomie von Internet und Realität, von virtuellem und realem Leben, ist heute eine Integration beider Welten geworden. Soziologen beschäftigen sich wieder mit der Frage, wie soziale Netzwerke funktionieren, wo ihre Grenzen sind und wie das Internet helfen kann, diese Grenzen zu überwinden [12]. Weblogs, Wikis und RSS haben diese Entwicklung wesentlich geprägt. Daneben stehen aber eine Reihe weiterer Applikationen zum Speichern und Verwalten von Daten sowie zum Kommunizieren im Internet wie z.B. Flickr (Fotos) oder Del.icio.us (Bookmarks). Hinzu kommen Business Networks wie z.B. LinkedIn und OpenBC, mit deren Hilfe Nutzer ihre Profile online verwalten, Kontakte mit anderen Nutzern aufnehmen und mit Interessierten themenspezifische Communities aufbauen können.

Um die Vielzahl dieser Entwicklungen zusammenzufassen, die die Kommunikation und Zusammenarbeit der Menschen unterstützen, hat sich der Begriff „Social Software“ durchgesetzt. Social Software ist keine neue Entwicklung. Groupware, E-Mail oder Instant Messaging werden seit vielen Jahren sowohl privat als auch in Organisationen genutzt. Neu ist die Tatsache, dass es sich um Web-Applikationen handelt, die eine neue Form der Kommunikation unterstützen: Neben die bekannten Formen der „one-to-one communication“, für die z.B. Telefon und E-Mail stehen, und der „one-to-many communication“, repräsentiert durch die Massenmedien Fernsehen, Rundfunk und Presse, tritt jetzt die „many-to-many communication“, unterstützt durch vielfältige Internet-Applikationen.

„Prior to the web, we had hundreds of years of experience with broadcast media, from printing presses to radio and TV. Prior to email, we had hundreds of years’ experience with personal media – the telegraph, the telephone. But outside the internet, we had almost nothing that supported conversation among many people at once. Conference calling was the best it got – cumbersome, expensive, real-time only, and useless for large groups. The social tools of the internet, lightweight through most of them are, have a kind of fluidity and ease of use the conference call never attained.” (Clay Shirky) [13]

Die Anziehungskraft von Social Software, getragen nicht zuletzt durch den Erfolg von Weblogs, ist groß. Viele Autoren ordnen sie in einen Entwicklungsprozess des Internets ein und sprechen vom Übergang von „Web 1.0“ zu „Web 2.0“ [14]. Während sich das Web 1.0 überwiegend in der Form von HTML-Seiten präsentierte, die der Nutzer mit Hilfe eines Browsers betrachten konnte („read only“), kommt Web 2.0 mit zusätzlichen Inhalten und neuen Möglichkeiten der Interaktion, Collaboration und peer-to-peer-Kommunikation („write and contribute“) daher.

4. Erfahrungsbericht: Mit Weblogs ein eigenes Profil entwickeln

Vor allem in den USA hat sich in den letzten Jahren eine Reihe von Weblog-Autoren einen Ruf als Fachexperten erworben, der weit über die Grenzen ihres Landes geht. Die Zahl der Weblog-Autoren, die sich z.B. mit dem Thema Weiterbildung beschäftigen, ist so groß, dass 2004 an herausragende Arbeiten in verschiedenen Kategorien die Edublog Awards verliehen wurden. Wie aber sieht es in Deutschland aus? Kann man mit Hilfe eines Weblogs ein eigenes Profil entwickeln? Kann man, was sich theoretisch vielversprechend anhört - Weblogs als Publikations- und Kommunikationsinstrumente -, auch praktisch „mit Gewinn“ umsetzen? Die Antwort ist nicht empirisch zu geben und soll deshalb im Rahmen einer vorläufigen und persönlichen Bilanz des Autors, selbst Betreiber eines Weblogs, erfolgen.

4.1. Das Weiterbildungsblog: Entwicklung, Themen und Motive

Seit dem 1. April 2003 schreibe ich, bin ich „Blogger“ mit einem Angebot, das ich “Weiterbildungsblog” genannt habe. Für die meisten meiner Freunde und Kollegen habe ich einfach “eine Seite im Internet”. Für diese “Seite im Internet” habe ich bis heute (24. Juni 2005) ca. 830 Einträge geschrieben. Fast jeden Tag in der Woche, ausgenommen die Wochenenden und Urlaube. Seit Anfang 2004 verschicke ich diese Einträge auch wöchentlich als Newsletter. Ich verbringe täglich ungefähr eine Stunde mit Schreiben, mal mehr, mal weniger. Das Bloggen ist fest in meinen Alltag integriert, wie die Zeit für Online-Recherchen, das Lesen von Newslettern, Artikeln und Reports. Geschrieben wird über fast alle Themen der Weiterbildung, wobei e-Learning und Fragen des technologiegestützten Lernens im Mittelpunkt stehen.

In den ersten Wochen habe ich das Weblog als Experiment betrachtet, als eine neue und interessante Form, meine Lektüre zu strukturieren und zu systematisieren: eine Art “Personal Knowledge Management”, und das ist es im Wesentlichen bis heute geblieben. Ob es jemanden interessiert, was ich schreibe, und ob es im Internet überhaupt auffindbar ist: das waren anfangs große Fragezeichen. Heute sehe ich das Weblog als Teil meiner persönlichen, beruflichen Biografie, als Instrument, um mich mit meinem Wissen und meinen Kompetenzen vorzustellen und das mir hilft, ein Netzwerk mit wichtigen Kontakten zu pflegen.

4.2. Feedback auf das Weiterbildungsblog

Bloggen ist in der Regel eine einseitige Angelegenheit. Man schreibt, weiss aber nie genau für wen. Rückmeldungen kommen zwar regelmäßig, aber nur in kleiner Zahl.

Kommentare
Es gibt bis heute ca. 100 Kommentare direkte Online-Kommentare (also ca. ein Kommentar auf zehn Einträge). Das hängt sicherlich auch mit meinem Schreibstil (im Kern sachlich und neutral), dem Thema (es ist sicher nicht einfach, einen Kommentar zu einem Eintrag „Human Capital Management“ nebenbei beim Browsen zu verfassen) und „unserer“ Mentalität zusammen: Im Gegensatz zum angelsächsischen Raum tut man sich in Deutschland mit dem schnellen, informellen Schreiben und Kommentieren deutlich schwerer: Begrüßungen, Anreden, (vermeintliche) Hierarchien und Distanz zwischen Experten und Nicht-Experten - viele dieser Dinge stehen zwischen einer Information und einer kurzen Rückmeldung.

E-Mail
Eine ebenso große Zahl an Rückmeldungen erfolgt als persönliche E-Mail, was sicher unmittelbar mit den geschilderten Problemen zusammenhängt. Inhaltlich sind es Ergänzungen und Kommentare, manchmal kurze „Insider“-Informationen, aber häufig auch die einfache Bitte um weitere Literaturhinweise oder Kontakte.

Referenzen
In den ersten Monaten habe ich das Weiterbildungsblog aktiv in einige Blogverzeichnisse und Bildungsserver eingetragen. Zur schnelleren Verbreitung beigetragen haben aber verschiedene Aktionen traditioneller Medien, wie z.B. die der ZEIT, die seit über einem Jahr das Thema Weblogs aktiv aufgreift und auf einzelne Weblogs aufmerksam macht - so z.B. auch im August 2004 auf das Weiterbildungsblog [15]. Inzwischen wird regelmäßig nicht nur online, sondern auch in Fachzeitschriften auf das Weiterbildungsblog hingewiesen, vor allem, wenn ich über Veranstaltungen wie die Bildungsmesse LEARNTEC berichte.

4.3 Berufliche Chancen: Karriereleiter für Blogger?

In den ersten Monaten des „Bloggens“ war ich noch sehr zögerlich, offen auf das Weblog hinzuweisen. Denn 2003 war ein Weblog noch unbedingt erklärungsbedürftig. Das hat sich heute geändert. Inzwischen nutze ich das Weiterbildungsblog als eine Art persönliche Visitenkarte, wenn es darum geht, Kontakte aufzunehmen, Informationen zu erhalten oder an Veranstaltungen teilzunehmen. Nachdem ich z.B. im Herbst 2004 bei der Deutschen Bank ausgeschieden war und darüber im Weblog informierte, konnte ich sehr konkrete Gespräche mit Unternehmen führen, die nicht zuletzt über das Weblog von mir und meiner Situation Bescheid wussten. Zwar muss ich heute noch regelmäßig über mein Zeitmanagement („Aber das Schreiben kostet doch sicher einiges an Zeit, oder?“) und meine beruflichen Prioritäten („Wenn Sie mit uns arbeiten, wollen Sie eigentlich weiterschreiben?“) Auskunft geben, aber die meisten Geschäftspartner schätzen die Informationen, die sie via Weiterbildungsblog über mich bzw. die behandelten Themen erhalten.

4.4 Die Grenzen des Bloggens

Bereits 2002 schrieb die Weblog-Pionierin Rebecca Blood: „Individuals whose weblogs focus on a perticular topic become known as experts in their field.” [16] Daran hat sich, vor allem in Deutschland, bis heute nichts geändert. Auf einige Punkte, die die Freiheit des Bloggens einschränken, sei an dieser Stelle aber hingewiesen:

- Wer als Arbeit- oder Auftragsnehmer tätig ist, muss akzeptieren, dass es Themen und Erfahrungen gibt, über die man nicht berichtet. Das ist mit Blick auf das, was man im Rahmen von „lessons learned“ weitergeben könnte, manchmal bedauerlich, aber unvermeidbar. Es bleibt aber in der Regel genügend Freiraum, um sich den generellen Fragen des jeweiligen Fachgebiets zu widmen und so seine Kompetenz auszuweisen.

- Eine zweite Erfahrung, die bis heute gilt: Es sind noch lange nicht alle Ansprechpartner online, und es ist sicher noch zu riskant, andere bzw. traditionelle Kanäle der Kommunikation und des Erfahrungsaustauschs zu vernachlässigen. Vor allem Messen, Konferenzen und Workshops sind aus meiner Sicht ein unverzichtbarer Schritt, um virtuelle und reale Begegnungen immer wieder miteinander zu verbinden.

- Eine dritte Erfahrung: Es gibt kein mir bekanntes Geschäftsmodell für Weblogs. Immer wieder muss man sich der Frage stellen, „ob man denn vom Bloggen nicht leben könne“ oder „ob man für diesen Dienst keinen Beitrag erheben könnte“. Aus meiner Sicht kann ein Weblog nur Teil eines umfassenden Profils sein, das man sich als Fachexperte auf einem Gebiet aufbaut. Vor diesem Hintergrund bleibt es eine Frage der persönlichen zeitlichen Ressourcen und eigenen Ansprüche, welchen Platz das Weblog letztendlich einnimmt.

5. Zusammenfassung

Weblogs bieten Knowledge Workern neue Möglichkeiten, Ideen zu entwickeln, sie anderen mitzuteilen, sich darüber auszutauschen und auf diesem Weg ein eigenes Profil zu entwickeln. Über den Erfolg des Bloggens entscheiden allein der eigene Anspruch und die Inhalte. Fachliche Kompetenz, Individualität, Authentizität und Ausdauer sind unabdingbare Voraussetzungen. Dabei stehen Weblogs nicht allein, sondern sind Bestandteil einer umfassenden Aneignung des Internets durch seine Nutzer.

Literaturverzeichnis:
[1] Burg, Thomas: „Nun hat einfach jeder sein Medium“. In: Frankfurter Rundschau, 23.3.2005 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[2] Drucker, Peter F.: The next society. In: The Economist, 1.11.2001 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[3] Drucker, Peter F.: Management im 21. Jahrhundert. Düsseldorf 1999
[4] Davenport, Tom: A Measurable Proposal. In: CIO Magazine, Juni 2003 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[5] McGee, Jim: From managing knowledge to coaching knowledge workers. McGee’s Musings, 19.8.2003 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[6] Baumgartner, Peter: Eine neue Lernkultur entwickeln: Kompetenzbasierte Ausbildung mit Blogs und E-Portfolios. 2005 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[7] Röll, Martin: Distributed KM – Improving Knowledge Workers’ Productivity and Organisational Knowledge Sharing with Weblog-based Personal Publishing. Paper presented to BlogTalk 2.0, Wien 5./6.7.2004 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[8] Blogs, Everyone? Weblogs Are Here to Stay, but Where Are They Headed? Knowledge@Wharton, 6.4.2005 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[9] Downes, Stephen: Educational Blogging. In: EDUCAUSE Review, Vol. 39, No. 5 (September/ Oktober 2004), Seite 14-26 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[10] Efimova, Lilia: Discovering the Iceberg of Knowledge Work: A Weblog Case. 2004 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[11] Nie, Norman und Lutz Erbing: Internet and Society: A Preliminary Report. Stanford Institute for the Quantitative Study of Society. 2000
[12] Davies, William: You don’t know me, but … Social Capital & Social Software. The Work Foundation. London 2003 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[13] Schofield, Jack: Social Climbers. In: The Guardian, 8.5.2003
[14] Sixtus, Mario: Das Web sind wir. In: Technology Review, 7/2005 (Zugriffsdatum: 23.6.2005)
[15] Die Zeit, 20.8.2004
[16] Blood, Rebecca: The Weblog Handbook. Practical Advice on Creating and Maintaining your Blog. Cambridge 2002

Autoreninformationen:
Dr. Jochen Robes
Weiterbildungsblog
Laurentiusstraße 11
60388 Frankfurt
E-Mail: jochen.robes@t-online.de
Internet: www.weiterbildungsblog.de

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2 Comments For This Post

  1. MedienBLOG für Lehrer Says:

    Über den Nutzen von Weblogs für Wissensarbeiter

    Weblogs als “personal knowledge management tools” inkl. persönlichem Erfahrungsbericht - nachzulesen unter www.weiterbildungsblog.de

  2. SEO katalog Says:

    Stunning quest there. What happened after?
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Jochen RobesJochen Robes (Frankfurt), Berater mit den Schwerpunkten Human Resources/ Corporate Learning, e-Learning, Knowledge Management,
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