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Überraschende Lerner-Reaktionen beim Umgang mit Neuen Medien

Posted on 03 December 2004 by jrobes

Vorneweg: Ich habe meine Probleme mit diesem Text aus dem aktuellen Heft der DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung und will etwas ausführlicher darlegen, was mich an diesem Artikel stört, denn das ist schließlich der Anfang eines jeden Diskurses …

Der Autor, Hans Giessen, widmet sich dem Lerner und seinen individuellen Prädispositionen im Umgang mit den Neuen Medien. Das ist auch heute noch nicht die Regel und hat mich neugierig gemacht. Dabei bezieht sich Hans Giessen auf Erfahrungen, die er in einem Modellversuchsprogramm zum „Lebenslangen Lernen“ gesammelt hat. In der Einleitung des Artikels heisst es: “Der Autor erzählt die Geschichte von zwei Lernertypen. Für beide bedeutet das Lernen am Computer eine neuartige Erfahrung.”

Los geht es mit einer kurzen Begriffsklärung, die den Gegenstand „Neue Medien“ einzugrenzen versucht: “Wir verstehen darunter ganz allgemein Kanäle und Produkte, die (1.) digital übermittelt werden, sowie (2.) Interaktivität und (3.) Multimedialität ermöglichen.” Schon diese Definition kommt etwas, nun ja, „schwerfällig“ daher, ganz abgesehen davon, dass die neue Qualität netzgestützter und kollaborativer Lernmöglichkeiten, die das Internet eröffnet, nur mit viel Phantasie erahnt werden kann. In der Praxis dieses Modellversuchs scheint sie keine Rolle gespielt zu haben.


Die erste Lernerbiographie

Dann kommt die erste Lernerbiographie und ein 16-jähriger Schüler wird relativ ausführlich vorgestellt. Über ihn heisst es: “Er ist kein schlechter Schüler, als Typus eher ruhig, kann aber auch ungehalten reagieren, wenn er sich langweilt oder etwas nicht versteht. Im ,normalen’ Unterricht beteiligt er sich regelmäßig, er meldet sich immer, wenn er etwas weiß, und das ist in fast allen Fächern häufig der Fall. Wird er aufgerufen und gibt er die richtige Antwort, zeigt er sich befriedigt, ohne auf die Mitschüler herabzusehen. In der Regel macht er seine Hausaufgaben gewissenhaft und gut. Insgesamt ist er ein Schüler, der von der Schule profitiert.”

Diesem Schüler, der mit der Institution Schule im Großen und Ganzen gut zurechtkommt, bereitete nun das Lernen am Computer große Schwierigkeiten. “Simples Recherchieren bereitete ihm keine Probleme, und wenn er ein Programm beherrschte, ging er damit souverän um und profitierte davon ebenso stark wie andere Schüler. Aber er hatte eine Abneigung dagegen, sich in neue Programme einzuarbeiten. Es war also der Computer selbst, mit dem er nicht zurechtkam oder zurechtkommen wollte.”

Was diesem Schüler, laut eigener Auskunft, fehlte, ist ein „Übersetzer“, ein „menschliches Gegengewicht“, mit dem er kommunizieren kann. So weit, so gut.

Interessant sind nun die Schlüsse, die der Autor aus dem Verhalten und den Aussagen des Schülers zieht. Dabei finde ich nicht problematisch, dass der Autor darauf hinweist, dass es “verschiedene Typen [gibt], die unterschiedlich gut mit dem Computer als Medium zurecht kommen”, sondern wie er diese Erkenntnis beschreibt: Denn es sind die “geistigen Strukturen” dieses 16-jährigen Schülers, die “Schwierigkeiten mit den Strukturen von Computerprogrammen haben”.

Erste Lernerfahrungen mit “Strukturen von Computerprogrammen”?

Hier setzen meine Fragezeichen ein: Was sind diese “Strukturen von Computerprogrammen”, mit denen dieser Schüler zu tun hatte und an denen er scheiterte?

Von diesem Schüler – und ich darf an die Einleitung des Artikels erinnern, in der es hieß, “für beide bedeutet das Lernen am Computer eine neuartige Erfahrung” – berichtet der Autor: “Im Gegensatz zu manchem Mitschüler reizte es ihn überhaupt nicht, herumzuknobeln, wie ein Programm funktionierte. Er hatte ‘einen Horror davor’. Er wollte den Computer gerne anwenden, aber empfand es als eine ‘Selbstzweck-Beschäftigung, die mich einfach nicht interessiert’, wenn er sich mit den Strukturen von Computerprogrammen beschäftigen musste. ‘Wenn ich ein Buch lese, muss ich ja auch nicht wissen, wie es gedruckt worden ist – im Gegenteil: Wenn ich beim Lesen immer daran denken muss, ist das Lesevergnügen schnell futsch’.”

Liegen hier Missverständnisse vor? Dieser Schüler musste sich zu Beginn seiner Lernerfahrungen mit den “Strukturen von Computerprogrammen” beschäftigen? Ja, wenn mein Einstieg ins Lesen ein Werk über den Buchdruck oder die Buchbindekunst gewesen wäre, säße ich heute wahrscheinlich nicht hier!

Gab es ein medienpädagogisches Konzept?

Über den Schüler wird weiter berichtet: “Wenn er sich aber in eine neue Lern-Software einarbeiten sollte, überkam ihn jedoch ‘das kalte Grausen, Leere, Verzweiflung – ich will das einfach nicht’.”

Spätestens hier möchte ich mehr erfahren – über das mediendidaktische Konzept, in dessen Rahmen dieser Schüler den Computer nutzte; wie Mitschüler, Lehrer und Medien in dieses Konzept integriert waren; wie die Kommunikation zwischen den Beteiligten ablief; wie die Lernumgebung dieses Schülers aussah; ich möchte wissen, in welche Lern-Software dieser Schüler sich „einarbeiten“ musste, um seine Reaktionen zu verstehen; warum er sich überhaupt – als Lerner - in eine Software „einarbeiten“ musste usw..

Was sind überhaupt “Strukturen von Computerprogrammen”?

Viel interessanter als die Reaktion des Schülers wird an dieser Stelle das Bild, das der Autor selbst vom Computer hat: Was sind jene “Strukturen von Computerprogrammen”, mit denen sich Schüler schwer tun? Sind es „schlechte“ Programme? Sind es offline-Programme, die keinen Austausch mit Mitschülern oder Lehrern erlauben? Sind es Programme, die selbst zu wenige Möglichkeiten des aktiven Eingreifens erlauben? Oder ist es doch der Computer bzw. das digitale Medium „an sich“? Ich erfahre es nicht. Aber es wirkt schon sehr eigentümlich, wenn an dieser Stelle so gar nichts über mediendidaktische Rahmenbedingungen oder wenigstens die Lernprogramme gesagt wird.

Stattdessen das erste Resumee des Autors: “Es gibt also Menschen, deren geistige Strukturen sich mit den Strukturen des Computer schwer tun. Ihnen muss die Möglichkeit gegeben werden, auch ohne Computer lernen zu können.”

Selbstverständlich sollte niemand gezwungen werden, mit dem Computer zu lernen – nachdem er sich ein Bild von seinen Möglichkeiten gemacht hat. Genauso wenig wie niemand gewungen werden sollte, nur mit dem Buch oder einer Videokassette zu lernen. Aber ich wäre irritiert, über mich zu hören, dass „meine geistigen Strukturen“ sich mit den Strukturen von Büchern „schwer tun“.

Die zweite Lernerbiographie

Wie fast zu erwarten war, ist die zweite Lernerbiographie der komplette Gegenentwurf. Eine 16-jährige Schülerin, ängstlich, still, passiv und unsicher, kurz: ” … ein ganz banales Opfer unseres Schulsystems, denn sie würde offenbar einen Einzellehrer benötigen und müsste, zumindest zeitweise, vor den üblichen sozialpsychologischen Mechanismen der Mitschüler und des Schulalltags geschützt werden.”

Und, um die Geschichte etwas abzukürzen: Sie profitiert von der Arbeit am Computer, so dass der Autor schlussfolgert: “Der Computer kann, weil er anonym ist und (nur) positive Rückmeldungen gibt, Selbstvertrauen ermöglichen, das gerade bildungsbenachteiligten Schülerinnen und Schülern zumindest bezüglich des Lernens und der Schule häufig fehlt.”

Lernerfahrungen und Bildungsinstitutionen: ein Zusammenhang!

Auch hier zögere ich mit der Zustimmung. Die Lösung ist mir, bei dieser Vorgeschichte, zu einfach! Denn was der Autor zuerst sehr ausführlich beschreibt, ist auch ein Problem der Schule als Bildungsinstitution. Offenbar benötigt diese Schülerin eine Ansprache und Zuwendung, die sie unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht bekommt bzw. bekommen kann. Es wäre nun in meinen Augen fatal, den Computer als Lösung dieses institutionellen Problems zu sehen! Das mag vom Autor nicht beabsichtigt sein, aber seine Schlußfolgerungen lassen diesen Punkt völlig außer Acht.

Und umgekehrt gilt dasselbe! Die Erfahrungen, die Lerner am oder mit dem Computer machen, sind nicht zu trennen, von den Bildungsinstitutionen, in denen sie stattfinden. Das spricht selbstverständlich nicht gegen die Annahme persönlicher Lernstile und Vorlieben sowie die Feststellungen des Autors.
Nur, wenn das durch das Lernen am Computer aufgebaute Selbstvertrauen, das der Autor bei der passiven und lernschwachen Schülerin hervorhebt, im nächsten Schritt nicht in ein neues, „anderes“ pädagogisches Konzept integriert und aufgenommen wird, werden vermutlich weder die Probleme dieser Schülerin noch die Probleme der Institution Schule gelöst. Leider erfahre ich vom Autor über diese Konsequenzen wenig.

Hans Giessen, DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung, 1/2005
[Kategorien: e-learning]

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4 Comments For This Post

  1. Lore Reß Says:

    Hallo Herr Robes,

    mit diesen Ergebnissen habe ich auch meine Probleme!!
    Diese, für mich oberflächliche, Betrachtung rückt die Möglichkeiten des eLearning mal wieder in den Experimentalstatus und ignoriert alle bereits gewonnenen Erfahrungen.

    Lore Reß

  2. Ralph Müller Says:

    Hallo Herr Robes,
    die wahre Überraschung fand beim Lesen des Artikel “Überraschende Lerner-Reaktionen beim Umgang mit Neuen Medien” dadurch statt, dass ich mich kurzfristig in das Jahr 1984 versetzt fühlte und das Buch von Sherry Turkle “Die Wunschmaschine - Vom Entstehen der Computerkultur” in meinen Händen sah.
    Heißt das nun, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, außer dass das Rad immer wieder neu erfunden werden muss? Damit möchte ich die gemachten Beobachtungen nicht schmälern, sie sind wichtig, um adäqute Lernangebote machen zu können … aber das sollte im modernen Bildungsbetrieb doch niemanden mehr überraschen.
    Ralph Müller

  3. Michaela Ziegler Says:

    Hallo Jochen,

    da mir die “Datenerhebungsbasis” mit zwei Biographien als grundsätzlich zu wenig erscheint und die sich daraus ergebenden Schlüsse durchaus fragwürdig sind, möchte ich in diesem Zusammenhang auf eine umfassende Studie von Prof. Dr. Ulf-Daniel Ehlers verweisen mit dem Titel: Qualität im E-Learning aus Lernersicht. Innerhalb dieser Studie analysiert und typisiert Prof. Ehlers “E-Learning”-Zielgruppen unter dem Gesichtspunkt Qualitätsansprüche an E-Learning - und zwar auf einer etwas valideren Datenbasis als zwei Biographien. Das Ergebnis ist hier zwar auch nicht wirklich überraschend, denn wie im “normalen” Präsenzunterricht hat man es auch beim E-Learning mit unterschiedlichen Lerntypen zu tun. Die Studie gibt aber auch konkrete Hinweis darauf, wie die didaktische und medienpädagogische Qualität beeinflußt werden kann.

    Herzliche Grüße
    Michaela

  4. Jochen Robes Says:

    Danke, Michaela! Über Ulf-Daniel Ehlers bin ich schon mehrmals gestolpert, aber das ist ein guter Hinweis, mal einen intensiveren Blick in eine seiner Publikationen zu werfen.

    Was mich beim DIE Aufsatz am meisten “überrascht” hat, war - das nur am Rande - weniger die Erinnerung an unterschiedliche Lerntypen, sondern vielmehr die wenig differenzierte Herangehensweise an e-Learning und die Lernumgebungen, in denen es stattfindet.
    Gruß, Jochen

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Jochen RobesJochen Robes (Frankfurt), Berater mit den Schwerpunkten Human Resources/ Corporate Learning, e-Learning, Knowledge Management,
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