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E-Learning braucht Kontinuität. Mehr nicht?

Posted on 19 February 2004 by jrobes

Die Learntec dient noch als Aufhänger; von da aus gehen die beiden Autoren auf einige grundlegende Probleme der Wissensvermittlung und Informationsaufbereitung ein, die sie in heutigen e-learning Programmen wiederentdecken. Und sie klagen - aus meiner Sicht völlig zu Recht - das gegenwärtig dominierende Lern/Lehrmodell an, das den Lerner - allen mit e-Learning verbundenen Versprechungen zum Trotz - in seiner reaktiven Rolle belässt.

Aber wie bringt man den Lernenden dazu, aktiv zu handeln? Sicher nicht, indem man Geschichten erfindet, die multimedial vorerzählt werden, und von Zeit zu Zeit gewisse Rückmeldungen abfragt. Das Verfahren ist rein reaktiv. Es ist grundsätzlich reaktiv, und das ist das zweite große Problem beim E-Learning: es entsteht in der Wissensvermittlung, wirkt sich aber konkret auf das Wissensmanagement aus.

In derzeitigen Systemen zum Wissensmanagement ist grundsätzlich festgelegt, welche Informationen angeboten werden. Es gibt einen feststehenden Lernstoff, der Lernenden so vermittelt werden muss, dass er sich als nützlich erweist. Zu einem aktiven Lernen aber gehört es auch, dass man selbst herausfindet, was gelernt werden soll, d.h. welche Informationen man benötigt, um dann in Erfahrung zu bringen, wie man sie sich beschaffen kann.”

Und weil es meine Gedanken so gut auf den Punkt bringt, folgt gleich noch ein längeres Zitat:

Derzeitige E-Learning-Systeme, unerachtet ihrer Evaluations-Instrumente, mit denen die zu vermittelnde Wissensbasis aus der Praxis heraus angepasst wird, schließen jegliche informative Selbstorganisation aus. Rückkopplungselemente sind aus Gründen der Kontrollierbarkeit des Systems so starr angelegt, dass keine Dynamik entstehen kann. Techniken des Internet wie Blogs oder Wiki-Datenbanken, wo im Peer-to-Peer-Verfahren gleichberechtigte Nutzer sich gegenseitig Wissen zur Verfügung stellen, Inhalte ohne jede Einschränkung kontrollieren, verändern, korrigieren, erweitern können, sind im E-Learning nicht vorgesehen. Dabei sind solche Bottom-up-Technologien direkte Produkte selbsttätigen Lernens und Wissenserwerbs, geboren aus dem gegebenen Anlass, dass Menschen zusammengekommen sind und einen gemeinsamen Bedarf empfunden haben - etwas, das von Interesse ist, in Erfahrung zu bringen. Solche “echte” Interaktivität kann nur erreicht werden, wenn versucht wird, möglichst viel Kontrolle darüber, was und wie gelernt werden soll, abzugeben.

Der derzeitige Trend geht in die entgegengesetzte Richtung: top-down - mit möglichst genauen Methoden festzuschreiben, was wem wie vermittelt wird.”

Hier liegen die Antworten auf viele Fragen: Gegenwärtig streiten immer noch die Experten, wie das effektive Lernmodell aussieht; es geht von linear zu Learning Objects, von self-paced zu blended. Wie wäre es, wenn ich als Lerner selbst entscheide, wann ich wie lernen möchte? Vielleicht möchte ich heute das eine Problem lieber im Team lösen, das andere morgen nach vorgegebenen Strukturen und allein bearbeiten, übermorgen einen Stoff online mit meinen Peers und einem Tutor angehen … Was natürlich einen hohen Grad an Selbstorganisation und Lernkompetenz voraussetzt. Aber das wäre doch ein Ziel!?

Karl Ulrich Lippoth und Manfred Schweres, heise online, 19 Februar 2004
[Kategorien: e-learning]

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2 Comments For This Post

  1. Thomas Jeswein Says:

    Lieber Herr Robes!

    Das von Ihnen skizzierte Lernmodell mag vielleicht effektiv sein, insbesondere aus der Sicht eines selbstbestimmten und selbstbestimmenden Lerners. Ist das Modell aber auch effizient oder überhaupt praktikabel?

    Wenn Sie “heute das eine Problem lieber im Team lösen” möchten, dann setzt das mindestens die Existenz eines Teams und des weiteren die Bereitschaft der anderen Teammitglieder voraus, Ihnen bei der Lösung des Problems behilflich zu sein. Und wenn Sie übermorgen einen Tutor angehen möchten, dann muss auch der zur Stelle sein. Doch wer trägt die Kosten?

    Mir scheint, das für ein erfolgreiches selbstbestimmtes Lernen unzählige Ressourcen zur Verfügung stehen müssen. Aber welches Problem rechtfertigt diesen Aufwand? Vielleicht könnten Sie ein Beispiel geben?

    Viele Grüße,

    Thomas Jeswein

  2. Jochen Robes Says:

    Also, wenn wir uns im Ziel “selbstorganisiertes Lernen” einig sind, haben wir ja schon die halbe Miete. Ich stimme voll und ganz zu, dass wir es auf dem Weg dahin mit Rahmenbedingungen zu tun haben, die das Erreichen dieses Ziels mal mehr, mal weniger unterstützen. Und Kosten sind da sicher ein entscheidender Faktor.
    Was Beispiele betrifft, so habe ich das Gefühl, dass sich viele Wissensarbeiter (vielleicht wir beide?) schon genau in diese Richtung bewegen. So ist mein Vertrauen in den Trainingskatalog meines Arbeitgebers gering, wenn es um meine Weiterbildung geht; ich versuche da lieber, meine Fähigkeiten in Sachen “Selbstorganisation” auszubauen. Und ich glaube, andere können diese Fähigkeiten auch entwickeln oder ausbauen.
    Ich glaube auch, dass gerade das Effizienzdenken über kurz oder lang dazu führen wird, dass sich Weiterbildungsabteilungen auf die Entwicklung der Rahmenbedingungen selbstorganisierten Lernens konzentrieren werden, weil das Angebot an Weiterbildung zu vielfältig ist, die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu speziell, die Angebote der Weiterbildung nicht mehr aktuell etc. Wobei ich jetzt natürlich vor allem die Entwicklung methodisch-fachlicher Kompetenzen vor Augen habe.
    Beste Grüße
    Jochen Robes

About me

Jochen RobesJochen Robes (Frankfurt), Berater mit den Schwerpunkten Human Resources/ Corporate Learning, e-Learning, Knowledge Management,
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